Politik : „Für Gefühle ist die Zeit zu kurz“

Hunderttausende Iraker sind in den vergangenen vier Jahren geflohen – Haitham S. erzählt, was er hinter sich gelassen hat

Ruth Ciesinger

Berlin - Vor einigen Wochen ging es dann nicht mehr. Die Anfeindungen gegen Haitham S. wurden immer schlimmer, und der ganzen Familie wurde jetzt mit dem Tod gedroht. Haitham, der in der neuen irakischen Regierung mitgearbeitet hatte, beschloss, sein Land zu verlassen. „Ich war durch mein Amt eine Gefahr für meine Mutter, meine Schwestern geworden“, erzählt der Sunnit in einem Telefonat.

Haitham, der einen anderen Namen hat, aber den aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung lesen will, verließ Bagdad in Richtung Jordanien. Dort lebt er jetzt und versucht, wie Hunderttausende seiner Landsleute, irgendwie über die Runden zu kommen. Mit seinen Schwestern und der 76-jährigen Mutter telefoniert er ein- bis zweimal die Woche. „Wir tauschen Informationen aus“, sagt er. „Für Gefühle ist die Zeit zu kurz.“

Auch wenn in der vergangenen Woche wieder Hunderte von Menschen durch Selbstmordattentate und Bombenexplosionen getötet worden sind, die Situation für seine Familie ist – nach irakischen Standards – nach seinem Weggang sogar besser geworden. „Sie müssen keine Entführungen mehr fürchten, seit ich weg bin“, sagt Haitham. Geblieben ist der alltägliche Horror, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, wenn ein Sprengsatz explodiert, oder dass eine fehlgeleitete Granate ins eigenen Haus einschlägt. Ein normales Leben führt in Bagdad sowieso seit Jahren niemand mehr.

Seine Schwestern und Nichten, sagt Haitham, hätten nie einen Schleier getragen, jetzt aber würden sie das Haus nur noch tief verhüllt verlassen. Die ältere Nichte, die im Erziehungsministerium arbeitet, fährt ihr Vater jeden Morgen aus dem Wohnviertel heraus an einen Treffpunkt, wo ein Minibus sie und andere junge Frauen dann zum Ministerium bringt. Die jüngere der beiden Töchter hat in diesem Jahr die Uni abgebrochen, weil der Weg zu den Vorlesungen zu gefährlich geworden ist.

Auch wenn die Gewalt zwischen sunnitischen und schiitischen Milizen in den vergangenen Wochen wegen der verstärkten Präsenz der US-Armee in Bagdad etwas zurückgegangen sein soll, Haithams Familie spürt den Konflikt täglich – wie so viele andere. Eine seiner beiden Schwestern ist mit einem Schiiten verheiratet. Das Paar lebte bis zu Kriegsbeginn vor vier Jahren ohne Probleme in einem von vielen Sunniten bewohnten Viertel. Seit die Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten eskaliert ist, sind viele Viertel in Bagdad für die jeweils andere Gruppe Zonen geworden, die sie nicht mehr betreten, geschweige denn in denen sie zum Arzt gehen oder die Kinder in die Schule schicken können. Die Schiiten waren unter Saddam Hussein unterdrückt worden, stellen aber die Mehrheit im Land. Haithams Schwester und ihr Mann mussten in eine schiitische Nachbarschaft umziehen. „Dabei hat sich ein zynisches System entwickelt“, sagt Haitham. Seine Schwester und ihr Mann haben mit einer sunnitischen Familie ihr Haus getauscht – und zwar mit Möbeln und allem. Das sei weniger gefährlich als ein kompletter Umzug und in Bagdad zwischen Schiiten und Sunniten zur Regel geworden.

Dem Sohn der Familie, Haithams Neffen, hat der Umzug nicht geholfen. Omar heißt er, ein sunnitischer Name, erklärt der Onkel. Das hat den jungen Mann in extreme Schwierigkeiten gebracht – von allen Seiten. An den schiitischen Checkpoints hätte er – falscher Ort, falscher Zeitpunkt – allein aufgrund seines Namens erschossen werden können. Mitglieder einer sunnitischen Miliz wiederum hätten Omar unmissverständlich aufgefordert, sich ihrem Kampf anzuschließen, sagt Haitham: „Wir haben uns dann für einen dritten Weg entschieden und ihn nach Syrien geschickt.“

Der Neffe in Syrien, der Onkel in Jordanien – das Schicksal der Familie S. ist das von vielen, vielen Irakern. Fast 50 000 Menschen verlassen jeden Monat das Land, schätzen internationale Organisationen. Fast über drei Millionen sollen insgesamt auf der Flucht sein, das ist die größte Fluchtbewegung im Mittleren Osten seit 1948. Amnesty International spricht von etwa 750 000 Irakern, die in Jordanien leben. In Syrien sollen es mehr als eine Million sein. Viele haben keine Arbeitserlaubnis und leben von ihren Ersparnissen, oft können die Kinder nicht zur Schule gehen. Denjenigen ohne offiziellen Aufenthaltstitel droht die Abschiebung. Amnesty berichtet von mehreren Irakern, die im Dezember aus Jordanien in den Irak zurückgeschickt wurden. Die sechs Schiiten gerieten in einen Hinterhalt und wurden geköpft. Der Einzige, der überlebte und die Geschichte erzählte, hatte die Angreifer überzeugt, Sunnit zu sein.

Haitham S. hat Glück, er war im Irak ein wohlhabender Mann, kennt viele Leute. Noch hat er keine Arbeit, aber er hofft, bald eine Aufgabe zu finden. Aber selbst wenn dies gelingt und er auch nicht mehr um sein Leben fürchten muss, die Angst um die Menschen, die er in Bagdad zurückgelassen hat, bleibt. Gerade hat er mit seiner Mutter telefoniert. Die alte Dame ist krank. Sie hat Diabetes, aber es fehlen ihr die Medikamente. „Manchmal fühle ich mich sehr hilflos“, sagt der Sohn.

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