Politik : Für immer und ewig

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Mit dem Zartgefühl hat es die deutsche Sprache manchmal nicht so. Wie nennen wir, um nur ein Beispiel zu geben, einen Menschen, der sich vor langer Zeit als engagiertes Mitglied einem eingetragenen Verein zugewandt hat, zwischenzeitlich aber jegliches Interesse an Kaninchenzucht, Philatelie oder christdemokratischer Kommunalpolitik verloren hat? Wir nennen ihn eine „Karteileiche“. In Wahrheit aber wird sich jener in der Mehrzahl aller Fälle frohgemut des Lebens freuen, oft noch viel frohgemuter als zu den Tagen, da er beschlossen hatte, die Leere in seinem Dasein mit der Kaninchenzucht, der Philatelie oder der christdemokratischen Kommunalpolitik zu füllen. Diese Diskrepanz zwischen Wort und Wirklichkeit, sie kommt uns in den Sinn bei der Sichtung der Redaktionspost. Ein gutes Viertel des heute eingetroffenen Briefe-Stapels nämlich wendet sich an Menschen, die zwar einstmals liebe Kolleginnen und Kollegen waren, es aber nicht mehr sind. Sie schreiben jetzt anderswo. Das ist freilich dem AOK-Bundesverband so wenig begreiflich zu machen wie der Landesvertretung Baden-Württemberg. Wir haben schon einiges versucht. Wir haben die Schreiben zurückgeschickt mit dem Vermerk „Empfänger verzogen“. Wir haben beim nächsten Mal die korrekte neue Adresse mitgeliefert. Hilft alles nichts, die wollen sich kein Porto sparen und uns nicht das Wegschmeißen. Neulich haben wir drastische Maßnahmen erwogen: „Empfänger verstorben“. Aber am Ende registriert das dann endlich einer, kramt die Privatadresse aus dem Verteiler und schickt der nichtsahnenden Familie ein Beileidsschreiben! Belassen wir es also besser bei – nun ja, eben: Karteileichen.

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