Politik : „Für mich ist er ein uneigennütziger Ratgeber“

Alle ein, zwei Monate trifft Angela Merkel Helmut Kohl – die CDU-Chefin sieht sich mit dem Altkanzler versöhnt

Robert Birnbaum

Was die ganz brennenden Fragen angeht, bot der Termin nichts Neues: Nein, zur Bundespräsidentenfrage will Angela Merkel auch bei der Vorstellung ihrer Selbstbiographie im Gespräch nichts sagen. Dafür erfährt der Leser des 265 Seiten langen Interviews mit dem Ex-FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg ein Detail eher aus der Vergangenheit, das gleichwohl für diese Frage von weit größerer Bedeutung sein könnte als jedes aktuelle Wort zum Thema. Die CDU-Chefin nämlich sieht sich mit Helmut Kohl im Reinen. „Helmut Kohl ist in der CDU wieder uneingeschränkt beheimatet“, sagt die Frau, die als Generalsekretärin in der Spendenaffäre die Loslösung der Partei von ihrem Patriarchen maßgeblich mitbetrieben hatte. Was die Spenden angehe, gebe es zwar zwischen ihnen beiden nach wie vor „unterschiedliche Wahrnehmungen der Dinge“. Aber daran rühren beide nicht, wenn sie hin und wieder miteinander sprechen.

Das tun sie nämlich – was in Berlin kein richtiges Geheimnis ist, öffentlich aber bisher keiner von beiden erzählt hat. Alle ein, zwei Monate gehe sie zum Altkanzler und spreche mit ihm, sagt Merkel. Nicht per Telefon übrigens, sondern lieber direkt von Angesicht zu Angesicht. „Und für mich ist er ein guter Ratgeber – ein uneigennütziger dazu.“ Die Gegenfrage, ob sie und Kohl einander wieder vertrauten, beantwortet die CDU-Chefin mit einem schlichten „Ja.“ Kohls Rat war bei der außenpolitischen Newcomerin Merkel zum Beispiel gefragt, als sie in der Irak-Krise Anfang 2003 nach Washington fuhr und eine amerikafreundliche Haltung in der CDU durchsetzte.

Das ist eine Entwicklung im persönlichen Verhältnis, die so nicht unbedingt vorgezeichnet war. Kohl hatte zwar zu Merkel nie ein zerrüttetes Verhältnis, anders als zu langjährigen Weggefährten wie Wolfgang Schäuble oder Norbert Blüm, die ihm sein Schweigen in der Spendenkrise nicht verziehen. Doch galt es lange als ausgemacht, dass neben ehrgeizigen Jungen und misstrauischen Alten aus CDU und CSU auch Kohls alte Gefolgsleute ihr den ersten Anlauf zur Kanzlerkandidatur 2002 mitverlegt haben. Hat sie auch über diese Kandidatur damals mit Kohl geredet? „Schon, aber erst zu einem relativ späten Zeitpunkt.“

Wäre jetzt also nur noch interessant zu wissen, ob sie in Sachen Bundespräsident auch schon mal bei dem alten Fuchs Kohl war. Obwohl – oder gerade weil der mit Schäuble bis heute nicht kann.

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