Politik : Für neuen Vertrag der Generationen

Ex-Politiker Scherf wirbt für Aktivsein im Alter

Eckhardt Stengel

Bremen - Knapp ein Jahr nach seiner Rücktrittserklärung hat Henning Scherf (SPD) ein Buch veröffentlicht. Darin wirbt der Bremer Ex-Bürgermeister für aktiven Ruhestand und fordert eine bessere Verständigung zwischen Jung und Alt. Der Titel des 192-Seiten-Werks: „Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist“, verfasst mit Unterstützung der Autorinnen Susanne Leinemann und Uta von Schrenk. Das Buch ist ein Gegenentwurf zum „Methusalem-Komplott“ des FAZ- Herausgebers Frank Schirrmacher. Der malt Verteilungskämpfe an die Wand, gar einen Krieg der Generationen. „Was für ein Pamphlet!“, urteilt der 67-jährige Sozialdemokrat Scherf und meint, dass „Jüngere und Ältere einen neuen Generationenvertrag schließen, sich neu aufeinander einlassen“ und „eng miteinander verzahnte Nachbarschaften“ bilden. Wer noch nicht ausgebrannt sei, könne „bis ins hohe Alter“ weiterarbeiten, zum Beispiel als Berater der Jüngeren. Oder sich zumindest ehrenamtlich engagieren. Oder im Altenheim beim Kochen und Gärtnern helfen. „Wir haben unseren Job an den Nagel gehängt, nicht unser Leben“, ermuntert Scherf seine Altersgenossen.

Ob seine Genossen ihm wohl übel nehmen, was der Begründer der Bremer großen Koalition über seine Partei geschrieben hat? O-Ton Scherf: „Ich bin froh, keine Delegiertenversammlungen, keine Vorstandssitzungen und erst recht keine Wahlkampfveranstaltungen mehr besuchen zu müssen. Alle diese subkutanen Sticheleien und Illoyalitäten haben ihren Stachel verloren.“ Auch Seitenhiebe auf ältere Kollegen enthält das Buch – etwa Helmut Kohl, Kurt Biedenkopf oder Otto Schily, „die an ihren Sesseln klebten“. Scherf selbst will sich „nie für unersetzlich gehalten“ haben.

Manch Scherf-Vertrauter sieht das anders: Dass „Henning der Große“ drei Anläufe brauchte, um nach 27 Jahren in der Bremer Regierung und zehn Jahren als Bürgermeister endgültig abzudanken, habe auch daran gelegen, dass er nicht habe loslassen können. Als Pensionär, so ist aus seinem Umfeld zu hören, hat er fast genauso viele Termine wie früher – „nur angenehmere“. Scherf selbst beschreibt seinen Unruhestand so: Nachdem er in der Politik „eine Art innerer Gefangenschaft“ erlebt habe und „lange Jahre nur auf einem Zylinder“ gelaufen sei, könne er jetzt „richtig mehrzylindrig fahren“. Er lerne endlich Orgel spielen, habe sich einer Aquarellklasse angeschlossen, arbeite an seinem Englisch. Dazu engagiert er sich als Präsident des Deutschen Chorverbandes, hält Vorträge, plant den Evangelischen Kirchentag 2009 in Bremen mit, hat von Dietmar Schönherr den Vorsitz der Nicaragua-Hilfsinitiative „Pan y Arte“ übernommen.

An mehreren Stellen des Buches schwärmt der Altbürgermeister von seiner „Wahlfamilie“: Ehepaar Scherf bezog 1988 gemeinsam mit Freunden eine altengerecht umgebaute Stadtvilla mit sieben Wohnungen auf fünf Etagen. Jeder führt dort sein eigenes Leben, aber samstags wird gemeinsam gefrühstückt und donnerstags wenn möglich reihum gekocht. Zwei Mitbewohner wurden dort bereits bis zum Tod gepflegt – für Scherf eine Alternative zu Altenheimen, die er für „Pflegemaschinen“ hält.

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