Politik : Fury, Flipper und Lassie - was die Generation der Vierzigjährigen verbindet

Harald Martenstein

Die Vierzigjährigen sind dabei, die Macht zu erobern. Aber was haben sie eigentlich gemeinsam, außer dem Alter? Was verbindet Friedrich Merz, Jahrgang 1955, mit Guido Westerwelle, 1961? Oder Annette Schavan, 1955, mit Dietmar Bartsch, 1958? Angela Merkel, 1954, mit Fritz Kuhn, 1955? Das Fernsehen vielleicht. Die Deutschen, die in den fünfziger Jahren geboren wurden, waren die erste Generation, die mit dem Fernsehgerät groß wurde. In Ost und West fing eine typische Fernsehkindheit mit dem Sandmännchen und der Augsburger Puppenkiste an. Sie setzte sich mit Fury, Flipper und Lassie fort, der heiligen Dreifaltigkeit des Tierfilms.

Fernsehen baute Klassenschranken ab

Mit den Abenteuern des Raumschiffs Orion, Richard Kimble und Emma Peel, den Plaudereien von Hans Joachim Kulenkampff und dem "Was bin ich"-Quizmaster Robert Lemke erreichte eine Fernsehkindheit ihre lebenslang unvergesslichen Höhepunkte. Den Tiefpunkt dagegen markierten die bis zu halbstündigen Umschaltpausen. Aber was bedeutet das?

Fernsehen war ein Gleichmacher. Das Fernsehen baute Klassenschranken ab, indem es dem Arbeiterkind, dem Kapitalistenkind und dem Beamtenkind die gleichen Wunschbilder vorführte, die gleichen Abenteuer, Abend für Abend. Es schuf einen Fundus ähnlicher Jugenderfahrungen, quer durch die Regionen und die sozialen Milieus. Das war neu. Natürlich gilt dies noch viel stärker für den Krieg, aber der Krieg war eine Jugenderfahrung, über die ungern gesprochen wurde, ein Tabu. Kriegsbilder will man vergessen, Fernsehbilder nicht.

Lediglich ein besonders hartgesottener Teil des Bildungsbürgertums lehnte diese vermeintlich minderwertige neue Maschine ab. In jeder Schulklasse saßen zwei oder drei bedauernswerte Pfarrers- oder Professorenkinder, deren Eltern keinen Fernseher besaßen, und die sich die Fernsehgeschichten ihrer Klassenkameraden meist um so begieriger anhörten. Alle hatten mehr oder weniger das Gleiche gesehen.

Seine mythische, gleichmacherische Kraft hat das Fernsehen nur etwa 20 Jahre lang besessen. Dann ging sie durch die Vervielfältigung der Programme und den Terror der Werbeblöcke wieder verloren.

Die Vierzigjährigen hatten im Westen Glück. Die sozialen Probleme waren in ihren Kindheitsjahren, nach heutigen Kriterien, minimal. Die Eltern waren meist zu jung, um Nazis gewesen zu sein. Vor den Fernsehgeräten versammelte sich ein letztes Mal die von keinem Selbstzweifel angekränkelte Kleinfamilie, gegen die es sich bei Bedarf prächtig rebellieren ließ. Wie das Fernsehen gemeinsame Kindheitserlebnisse schuf, so besorgte die Popmusik gemeinsame Jugenderinnerungen. Pop und Jugendkultur blieben, wie das Fernsehen, nur zwei, drei Jahrzehnte lang relativ homogen. Später zerfielen sie in viele, zum Teil verfeindete Szenen.

Pragmatismus oder Prinzipienlosigkeit?

Weil die Kinder von ARD und ZDF eine ähnliche Sprache sprechen, können sie sich hin und wieder leichter einigen als andere. Ihr Pragmatismus ist weniger verkrampft als der Pragmatismus der Älteren, Joschka Fischers zum Beispiel, der seinen Pragmatismus mit der Verbissenheit des Konvertiten betreibt. Ist Pragmatismus das Gleiche wie Prinzipienlosigkeit? Vielleicht doch nicht.

Einen Mann gibt es, eine zentrale Person der frühen Fernsehgeschichte, in dem alle politischen Lager der Gegenwart sich wiedererkennen können. Schwarz-grüne Koalition? Rot-Grün? Schwarz-Rot? In diesem liebenswerten Herrn steckt alles drin. Ein im Osten Geborener, der in vielen Fragen konservativ dachte, aber erklärter Pazifist war. Einer, der schon früh für die Grünen zum Parlament kandidierte und der ersten, sozialliberalen Regierung von Willy Brandt angehörte, als "Beauftragter für Naturschutz". Der Fernsehpionier, auf den sogar Roland Koch und Dietmar Bartsch sich einigen könnten, heißt Bernhard Grzimek.

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