G-8-Gegner : Die Macht der Bilder

Die G-8-Kritiker wissen ihre Proteste effektiv in Szene zu setzen. Neben dem Gipfel wurden die Aktionen zum zweiten Medienereignis.

Katrin Schüler[ddp]
Motiv: Gewalt
Motiv: Gewalt -Foto: AFP

Rostock/HeiligendammBrennende Autos und riesige Luftballons, Wasserwerfer im Einsatz und ein bunter Menschenzug, der sich durch ein Kornfeld Richtung Sperrzone Heiligendamm bewegt. Die Bilder, die vom Protest am Rande des G-8-Gipfels um die Welt gingen, können nicht gegensätzlicher sein. Gleich zu Beginn drohte das Anliegen des Gegengipfels in Szenen nackter Gewalt verloren zu gehen. Zum Schluss der Protestwoche jedoch überwiegt die Erinnerung an ein kreatives, kritisches Programm der Gipfelgegner. Eines muss man ihnen dabei lassen: Sie haben ihren Protest gegen die Politik der G 8 gewieft in Szene gesetzt, die Bilder waren allemal bewegender als die vom Heiligendammer Gipfel selbst.

Eine Woche lang bevölkerte ein Heer von Globalisierungskritikern die Region, deren Bewohner zum Anfang mehr Angst als Neugier zeigten. Vor Beginn der Großdemonstration in Rostock am vergangenen Samstag vernagelte sich nahezu die gesamte Innenstadt. Die Skeptiker sollten zunächst nicht Recht behalten. Ein bunter Zug von rund 80.000 Gipfelgegnern zog durch die Straßen, mit handgemachter Musik, fantasievollen Kostümen und Transparenten. Die Nonne lief neben dem Punk, der Umweltschützer von Greenpeace scherzte mit einem Polizisten. Fast unbeobachtet formierte sich jedoch ein schwarzer Block, der im Stadthafen am Rande der Abschlusskundgebung für die ersten Krawallbilder sorgte.

Auf Ratlosigkeit folgte Aktion

1000 Verletzte, hohe Sachschäden, eine hektisch agierende Polizei, nur zehn Festnahmen von Gewalttätern. Diese Bildunterschriften schienen die Richtung des Gegengipfels vorzugeben. Nach einem Tag der Ratlosigkeit auf allen Seiten kamen die ersten Bilder eines anderen Protestes. Eine Fahrraddemo zu einem Genversuchs-Feld, Demonstrationen mit Traktoren für eine gerechte Agrarwirtschaft, ein bunt bemalter Panzer von Militarismusgegnern, ein übergroßes schwarzes Baby, das auf die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern aufmerksam machen sollte.

Um die Welt gingen Bilder von Blockierern, die sich durch ein Bioweizenfeld den Weg zum gesperrten Heiligendamm bahnten. Zum Menschentross gehörte auch Vandana Shiva, Trägerin des alternativen Nobelpreises aus Indien, die von diesem "Weg durch Frieden und Solidarität und Schönheit" schlicht überwältigt war. Nicht nur sie. Die 48-Stunden-Blockade einer der Zufahrtsstraßen an der Galopprennbahn entwickelte sich zum Happening, zeitweise campierten 8000 Menschen im Schatten einer der schönsten Alleen Deutschlands, kamen mit Spaziergängern und Polizisten ins Gespräch.

Schuhe zum Lüften am Zaun

Diese Bilder hatten Symbolcharakter. Demonstranten drangen in einen Sicherheitsbereich ein, der von der Polizei per Verordnung auf mehrere Kilometer außerhalb des Zaunes ausgeweitet worden war. Ein Mecklenburger hätte sich das vermutlich nicht getraut, derart frech die Linie einer Bannmeile zu übertreten. Tausende Globalisierungskritiker aus dem In- und Ausland schafften es jedoch, die Polizei deutlich in ihre Schranken zu weisen. Aus Wildzäunen entlang des Stacheldrahtes knüpperten sie Hängematten, am Zaun baumelten Schuhe zum Entlüften.

Andernorts war die Polizei weniger tolerant und gar nicht zimperlich, wenn sie mit Wasserwerfern und Tränengas Demonstranten von der Straße drängte. Jedoch gehörten diese Bilder bislang zu jeder Demonstration zivilen Ungehorsams, von einer Eskalation der Gewalt mochte man nicht sprechen. Medialer Höhepunkt des Protestes war zweifellos die Greenpeace-Robinsonade zur Luft mit einem Ballon und auf dem Wasser mit Schlauchbooten. Der emotionale Coup gelang Herbert Grönemeyer, der gemeinsam mit Bono, Bob Geldof und Campino für "Stimmen gegen Armut" warb. Mehr als 70.000 Zuschauer zählte das sechsstündige Konzert auf dem IGA-Gelände.

Mit einem proppevollen Programm des Alternativgipfels, mit ideenreichen und lautstarken Protesten gegen die Unbill der Welt haben die G-8-Kritiker neben dem Gipfel ein zweites Medienereignis geschaffen. Die G-8-Teilnehmer haben die Bilder aber wohl wenig beeindruckt, dank der großzügigen Abschottung haben sie sie auch gar nicht live erlebt. Vom Gipfel selbst sei man mehr als enttäuscht, sagt Werner Rätz vom Netzwerk Attac. UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler jedoch macht Mut: "Einen G-8-Gipfel wird es nicht mehr lange geben, uns jedoch schon".

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