G-8-Gipfel : Amerikas Blick auf den Gipfel

In den USA wird das G-8-Treffen der Weltwirtschaft ganz anders wahrgenommen als in Deutschland. In Amerika wird über Iran diskutiert, in Europa ging es ums Klima

Christoph von Marschall

Wie erfolgreich ein internationaler Gipfel ist, misst sich nicht allein an dem, was die Anwesenden besprochen oder vereinbart haben. Entscheidend ist, wie die jeweilige nationale Öffentlichkeit die Ergebnisse bewertet. Wie das jüngste Treffen der Gruppe der Acht (G 8) wahrgenommen wird, ist in den USA und in Europa ganz unterschiedlich. Nach dem dreitägigen Gipfelmarathon im italienischen L’Aquila existieren so viele unterschiedliche, nationale Versionen davon, was besprochen wurde, wie es der Zahl der Teilnehmer entspricht.

Am Mittwoch und am ersten Teil des Donnerstags dominierte der Konflikt um das iranische Atomprogramm die US-Perspektive. Präsident Barack Obama verhandelte in Moskau über die Reduzierung der nuklearen Sprengköpfe, ehe er nach Italien kam. Die atomare Aufrüstung Irans wurde stark in den amerikanischen Medien thematisiert. In der deutschen Berichterstattung kam das Thema Iran nur am Rande vor. Die hiesige Presse konzentrierte sich auf den Umgang mit der Erderwärmung und den Bemühungen um verbindliche Emissionsreduzierung.

Der inhaltliche Schwenk zum Klimawandel machte sich in den Briefings der US-Regierung für die mitreisenden US-Journalisten und in der Berichterstattung der US-Medien erst im weiteren Verlauf des Donnerstag und am Freitag bemerkbar. Das G-8-Treffen hatte sich inzwischen zum "Major Economies Forum", einer Konferenz der größten Volkswirtschaften der Erde, mit annähernd 20 Teilnehmern entwickelt. Später wurde sogar eine Runde von rund 40 Staaten und internationalen Organisation daraus.

Die amerikanische Perspektive unterschied sich aber weiterhin deutlich von der deutschen und der europäischen Perspektive. Gemeinsam ist ihnen die Beschreibung der Lagerbildung: Unter Präsident Obama stehen die USA mit Europa auf der einen Seite, sind generell zu einer Reduzierung ihrer Treibhausgase bereit und drängen die Schwellenländer sowie die Entwicklungsländer, ihren Teil beizutragen. Das ist eine Veränderung gegenüber der Bush-Regierung. Die hatte das Zögern der Schwellenländer dazu genutzt, auch selbst keine verbindlichen Zusagen über eine Verringerung ihrer Emissionen zu machen; Bush stand sozusagen an der Seite der Schwellen- und Entwicklungsländer gegen die Europäer bei dem Versuch, verbindliche Klimaziele zu vermeiden.

Die US-Medien übergehen jedoch fast völlig die anhaltenden Diskrepanzen zwischen Amerika und Europa. Europa hat sich auf die Formel "20-20-20" geeinigt: Bis zum Jahr 2020 sollen die Emissionen um 20 Prozent geringer sein als 1990, und der Anteil erneuerbarer Energie soll auf 20 Prozent steigen. Nach dem Wunsch der Bundesregierung sollen die Treibhausgase bis 2050 um 80 Prozent sinken, wieder gemessen am Ausgangsjahr 1990. Dazu sind die USA nicht fähig, es gibt auch keine politische Bereitschaft dazu und nach jetzigem Stand auch keinerlei Aussicht, eine politische Mehrheit für solche Ziele in absehbarer Zeit zu organisieren.

In Amerika operiert die Presse zwar zum Teil mit ähnlich klingenden Zahlen, zum Beispiel dem Ziel, die Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren – oder, wie tatsächlich vereinbart wurde, den Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Doch in ihrem Fall ist das reine Wortakrobatik, weil sie kein Ausgangsjahr als Vergleichsmaßstab nennen. Eine 80-Prozent-Reduzierung gegenüber 1990 wäre bedeutungsvoll. Dagegen wäre dieselbe Verminderung, gemessen an den heutigen Emissionen, 2009, keine große Hilfe.

Am Freitag ersetzten die US-Medien die inhaltliche Diskussion durch eine Debatte um die Teilnehmer solcher Treffen. G 8 habe ausgedient, ist der generelle Tenor. Ohne China und Indien lasse sich keine Weltpolitik mehr machen. Das gängige Argument in Amerika ist freilich nicht nur, dass diese Länder an den Entscheidungen beteiligt werden müssen. Sondern es lautet: Sie müssen dazu gebracht werden, Verantwortung zu übernehmen und, zum Beispiel, ihren Anstieg an Emissionen zu reduzieren. Für die Vergangenheit sei richtig, dass die klassischen Industrieländer das rasante Wachstum der Treibhausgase zu verantworten haben. Der entscheidende Teil des künftigen Anstiegs werde aber aus Volkswirtschaften wie China, Indien, Brasilien kommen.

Wer das Weltklima retten wolle, müsse deshalb bei ihnen ansetzen. Und es sei, nach Darstellung der US-Medien, heute Obama, und früher Bush, zu verdanken, dass die internationalen Gipfel diese Staaten einbeziehen und nicht nur über die Klimaverantwortung der USA samt Kanada und Westeuropas, also der klassischen G 7, sprechen. In dieser Hinsicht war es ein Manko, dass Chinas Präsident Hu Jintao in L’Aquila fehlte, wegen der blutigen Unruhen in der Uiguren-Provinz Xinjiang.

Für die USA bleibt L’Aquila eine Durchgangsstation, in dreifacher Hinsicht: Bei Iran wird sich die Welt, erstens, schon bald in der unangenehmen Lage sehen, den Kurs zu verschärfen, weil die Mullahs ihr Atomprogramm nicht freiwillig aufgeben. Ökonomisch und klimapolitisch war dieser Gipfel, zweitens, nur ein Zwischenschritt zum G-20-Gipfel im eigenen Land, am 24. und 25. September in Pittsburgh, wo der Klimaschutz auch noch mit der Bekämpfung der Rezession versöhnt werden muss. Drittens schließlich war es eine Etappe bei dem ehrgeizigen Ziel, selbst die weltweite Führungsrolle in der Klimadebatte zu übernehmen – was, für Europa zwar den Vorteil mit sich brächte, dass das Gewicht der USA zu Gunsten des Klimaschutzes wirksam wird und ihn nicht mehr behindert. Aber zugleich den Preis beinhaltet, dass die Ziele wesentlich bescheidener ausfallen, als es Europa anstrebt.

Quelle: ZEIT ONLINE, 10.7.2009 - 19:29 Uhr

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