Politik : G-8-Gipfel: Auf Wiedersehen in den Rocky Mountains

Robert Birnbaum

Den Namen Kananaskis wird man sich merken müssen. In dem Urlaubsrevier in der Abgeschiedenheit der kanadischen Rocky Mountains, mit dem Rest der Welt nur über eine Straße verbunden, soll 2002 der nächste G-8-Gipfel stattfinden. Und nicht allein der Ausrichter, der kanadische Regierungschef Jean Chrétien, erhofft sich vom Genius loci eine Rückkehr zu den Wurzeln dieser Treffen, die einst 1975 als Kaminplausch der Chefs führender - westlicher - Industriestaaten im Schlösschen von Rambouillet in Frankreich begangen.

Die Sehnsucht nach den Anfängen wird nicht erst seit den "Kriegstagen in Genua" (so die Titelzeile einer italienischen Zeitung) laut. In dem Vierteljahrhundert seit Rambouillet ist aus dem Brainstorming der Chefs, ohne Tagesordnung und nur mit den engsten Beratern, eine Mammutkonferenz mit tausenden Teilnehmern, sekundengenauem Terminplan, vorformulierten Papieren und ausuferndem Themenkatalog geworden. Spätestens mit Aufnahme des ökonomischen Entwicklungslands Russland dokumentierte die nunmehr G-8 genannte Gruppe, dass beim "Weltwirtschaftsgipfel" längst klassische Politik in den Vordergrund drängte: von Hilfe für Tschernobyl bis zu Appellen an Konfliktparteien von Belfast bis Jerusalem.

Die Kritik an dieser Wandlung speist sich aus vielen Wurzeln. Die G-8 gebärde sich als informelle Weltregierung, monieren radikale Gegner und verweisen darauf, dass den Treffen - anders als etwa den EU-Gipfeln - jede demokratische Legitimation fehle. Dagegen halten andere, gerade der viel geschmähte Konferenzzirkus mit Kommuniqué, tausenden Journalisten und Durchstecherei aus den Gesprächen hindere die Großen daran, das Schicksal der Welt unbemerkt untereinander auszukungeln.

Unbestritten ist, dass das Forum neben viel unnützem Papier stets auch konkrete Beschlüsse zuwege gebracht hat - seien es Gelder für den Sarkophag über der Tschernobyl-Ruine, sei es wie jetzt eine Milliardenspritze für einen neuen Weltgesundheitsfonds. In vielen anderen Fragen bemäntelt Kommuniqué-Kauderwelsch massive Uneinigkeit. Kritikern gilt das als Beleg für ein wachsendes Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag. Erfahrene Konferenzteilnehmer wissen dagegen um den heilsamen Druck, der von öffentlichen Erwartungen an Gipfel-Ergebnisse ausgehen kann.

Es wird weiter G-8-Gipfel geben, und sie werden weiter neben ökonomischen auch politische Fragen behandeln - wo sonst sitzen sich die Großen Acht schon mal Auge in Auge gegenüber? Die Gipfel werden aber wieder kleiner. In Kananaskis gibt es übrigens gerade 160 Hotelzimmer - und ganz viele Zeltplätze.

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