Politik : G-8-Gipfel: Briefbombe in Berlusconis Sender explodiert

Ruth Reimertshofer

Zwei Tage vor Beginn des G-8-Gipfels in Genua ist in Italien erneut eine Briefbombe explodiert. Bei der Detonation in einem Fernsehsender von Regierungschef Silvio Berlusconi in Mailand erlitt eine Mitarbeiterin am Mittwoch Brandwunden, wie der Sender berichtete. Unterdessen schottete sich Genua weiter gegen gewalttätige Globalisierungsgegner ab. Italiens Innenminister Claudio Scajola kündigte ein hartes Vorgehen gegen Randalierer an. Eine festgenommene Berlinerin musste sich in Genua vor einem Richter verantworten.

Der Brief mit der Bombe war an den Nachrichtenchef des Senders TG 4, Emilio Fede, gerichtet. Die Mitarbeiterin erlitt Brandwunden an Händen und Armen, als sie den Umschlag öffnete und der Sprengsatz detonierte. Die Verantwortlichen beim Sender kritisierten den Anschlag als "Einschüchterungstat" und als Angriff auf die Pressefreiheit. Am Montag hatte eine Briefbombe einen Polizisten schwer verletzt. Kurz darauf war ein zweiter Sprengsatz entschärft worden.

Am Sitz der Benetton-Gruppe in Ponzano wurde laut Polizei ein verdächtiges Päckchen entdeckt, das sich beim Öffnen entzündete. Dabei sei niemand verletzt worden. Außerdem wurden Polizeiangaben zufolge in einem an den Bürgermeister von Genua adressierten Drohbrief unter anderem zwei Pistolen-Kugeln entdeckt. In Bologna entschärfte die Polizei einen Sprengsatz.

Im Rahmen der massiven Sicherheitsvorkehrungen im Vorfeld des Gipfels wurde bis Dienstagabend 686 Menschen die Einreise nach Italien verweigert, wie Scajola am Mittwoch vor dem Parlament in Rom sagte. Sie seien als "gefährlich" einzustufen gewesen.

Die Gipfelstadt Genua glich zwei Tage vor dem Gipfel einer Festung. Dort werden von Freitag bis Sonntag rund 100 000 Demonstranten erwartet. Tausende Demonstranten mit Motorradhelmen und Gasmasken werden am Freitag versuchen, den Tagungsort des Gipfeltreffen der führenden Industrieländer in Genua zu stürmen, wie der Anführer einer radikalen Gruppe sagte. Sie würden versuchen, in die Rote Zone einzudringen, dem Sicherheitsbereich im Zentrum der norditalienischen Stadt, sagte Luca Casarini von der Bewegung Tute Bianche (Weiße Overalls), die sich als Gruppe des zivilen Ungehorsams sieht.

Eine 23-jährige Berlinerin, die am Dienstag in Genua zusammen mit drei anderen jungen Frauen festgenommen worden war, musste sich vor einem Schnellrichter verantworten. Der Frau werde Widerstand gegen die Staatsgewalt vorgeworfen, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) forderte ein hartes Vorgehen gegen gewalttätige Demonstranten beim G-8-Gipfel. Der "Bild"-Zeitung sagte er: "Wer nur auf Randale aus ist, der kann und sollte nicht mit Nachsicht rechnen. Gegen gewalttätige Chaoten, die ja selbst keine politischen Ziele verfolgen, muss mit der ganzen Härte des Gesetzes vorgegangen werden."

Unterdessen beschlossen die oppositionellen Linksdemokraten, die bei den Parlamentswahlen im Mai eine verheerende Niederlage erlitten haben, an der Demonstration von Genua mit einer offiziellen Delegation teilzunehmen. Der Beschluss wurde als Versuch gewertet, in letzter Minute die tiefe Spaltung in der italienischen Linken wenigstens an der Oberfläche zu kitten. Die Linke will sich mit den Forderungen nach einer sozial gerechteren Globalisierung und der Entschuldungskampagne zu Gunsten der ärmeren Länder der Dritten Welt solidarisieren und sich nicht endgültig von der eigenen Basis entfernen.

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