Politik : G7 und IWF: Bittsteller

Ulrike Fokken

Auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag hätte er sich gut gemacht. Aber das erschien den Organisatoren des G-7-Treffens doch irgendwie unpassend. So sitzt Finanzminister Hans Eichel also vor einer Fotowand im Garten, auf der die Botschaft und der historische Balkon zu sehen sind. Und anders als damals vor elf Jahren, als Hans-Dietrich Genscher den campierenden DDR-Bürgern die Ausreise in den Westen versprach, kann Eichel der Weltbevölkerung nur einen Brief ankündigen. Den soll der französische Finanzminister Laurent Fabius diese Woche an die Mitglieder des Rohöl-Kartells Opec schreiben. Für die sieben führenden Industrienationen der Erde wird Fabius darin die Ölproduzenten an ihre Verantwortung für die Weltwirtschaft erinnern.

Eigentlich waren die Finanzminister und ihre Notenbankchefs an diesem Wochenende in Prag zusammengekommen, um über die Reform des Währungsfonds zu beratschlagen und sich über die Dauerbrenner "Kampf gegen Geldwäsche und Steueroasen" zu unterhalten. Wichtige Themen, zu denen die Minister in ihren vierstündigen Konsultationen gar nicht mehr gekommen sind, wie Hans Eichel sagte. Sie hatten nur ein Thema: der Preis für das Öl.

"We are concerned", haben die Finanzminister der G-7-Staaten in ihre Abschlusserklärung zum Treffen an diesem Wochenende in Prag während des Weltbank- und IWF-Gipfels verkündet. Besorgt sind sie, dass der relativ hohe Preis von 37 US-Dollar für ein Barrel Rohöl die Weltwirtschaft schwächt und die anziehende Konjunktur abwürgt. Reiche Industrieländer wie Deutschland könnten ein halbes Prozent ihres mühsam gesteigerten Bruttoinlandproduktes durch die hohen Rohölpreise an die Erdöl exportierenden Staaten verlieren. Und das in einer Zeit, in der die Volkswirtschaften der europäischen Staaten, Japans und der aufstrebenden asiatischen Länder sich gerade wieder berappelt haben und endlich wachsen. Die Ölpreise sollten deswegen mit der wirtschaftlichen Wohlstandssteigerung einhergehen und die Stabilität der Öl produzierenden und der verbrauchenden Staaten, insbesondere der armen Entwicklungsländer, sichern, schreiben die G-7-Minister. Sie fordern die Opec-Länder und die anderen Öl produzierenden Staaten zu "Handlungen" auf, die zu einer Verringerung der Ölpreise beitragen.

Die sind jedoch nur relativ gesehen hoch. Um einen vergleichbaren Preis wie während der Ölpreiskrise von 1973 zu erreichen, müsste ein Barrel 70 Dollar kosten. Damals verloren die reichen Staaten zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung an die Opec-Staaten. Eine furchtbare Vorstellung, finden die G-7-Chefs. Sie bitten die Ölproduzenten deswegen um Verständnis und Handeln. Mehr als bitten können sie nicht. Anders als beim schwindenden Kurs des Euro können die Finanzminister und die mächtigsten Notenbankchefs der Welt den Preis des Öls nicht beeinflussen.

Am Freitag hatten die Zentralbanker der G 7 insgesamt einen dreistelligen Milliardenbetrag in die Finanzmärkte gepumpt, um den Fall des Euro zu bremsen. Deutschland hat sich mit einem einstelligen Milliardenbetrag an der Aktion beteiligt, sagte ein Mitglied im Rat der Europäischen Zentralbank dem Tagesspiegel. Bei diesem einen Mal wird es nicht bleiben. Denn steigt der Ölpreis weiter, wird auch der Dollar teurer - schließlich wird Rohöl nur in Dollar und nicht in Euro gehandelt. Da wirtschaftlich alles mit allem zusammenhängt, steigt dadurch das Inflationsrisiko. Deshalb schließen die in Prag anwesenden Manager der Europäischen Zentralbank nicht aus, dass EZB-Präsident Wim Duisenberg am Donnerstag die Zinsen wieder einmal erhöht.

Zur selben Zeit treffen sich in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, die Regierungschefs der Opec-Länder. Sie werden sich über das teure Öl aus ihren Feldern unterhalten, können aber keine weitere Erhöhung der Förderquoten beschließen. Es wird jedoch nicht ausgeschlossen, dass die Opec Ende des Jahres weitere 500 000 Barrel zusätzlich zu den bereits beschlossenen 800 000 Barrel am Tag fördert. Auf der Tagung von Weltbank und IWF in Prag halten sich die Opec-Länder zurück. Im Büro der Opec wurde seit Donnerstag niemand mehr gesehen. Der Kasten für Zettel mit Interviewanfragen und Nachrichten quillt über.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar