Gabriel diskutiert mit Berufschülern : "Sarrazins Menschenbild ist mir so fremd"

Ortstermin: Tissy Bruns lauscht SPD-Chef Sigmar Gabriel und Berufsschülern in Dessau bei der Diskussion, was Menschen aus ihrem Leben machen können.

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Tissy Bruns
Tissy Bruns, Leitende Redakteurin (Parlament)Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Saal ist eine kleine Aula ohne Bühne, an den Tisch vorn lehnt sich der Gast, auf den die Schülerinnen und Schüler in den voll besetzten Sitzreihen ziemlich lange gewartet haben. Sigmar Gabriel – früher Lehrer – hatte zuvor Schulleitung und Lehrer ausgiebig ausgequetscht über Schülerschwund, Fachkräftemangel, Bildungsdefizite.

Jetzt steht er also vor diesen Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Berufsschule „Hugo Junkers“ in Dessau. Station einer Sommerreise des SPD-Chefs, der die SPD aufgefordert hat, wieder dahin zu gehen, wo es kracht und stinkt. Letzteres ist hier nicht der Fall, und auf Krach ist die Versammlung vor ihm auch nicht aus. Es sind eine Lehrerin und Sigmar Gabriel selbst, die aus der üblichen Verlegenheit des Anfangs eine muntere Diskussion machen, in der dem Politiker da vorn nichts geschenkt wird. Während im Berliner Willy-Brandt-Haus, wie Gabriel weiß, haufenweise E-Mails zum Thema Sarrazin einlaufen, fragt hier in Dessau, Sachsen-Anhalt, Migrantenanteil an der Bevölkerung unter zwei Prozent, eine Schülerin den SPD-Vorsitzenden, wie er den Umgang mit den Ausländern ändern will. Gabriel fragt zurück und es stellt sich heraus: Diese Schülerin findet es schlecht, dass Ausländer irgendwie immer noch „anders“ behandelt werden und es deshalb in Deutschland schwer haben. „Ich werde bestimmt antworten“, sagt Gabriel, „aber gibt es denn hier auch andere Meinungen dazu?“ Gibt es. Ein junger Mann sagt, dass es auch „an der Kultur“ liege. Viele würden auch unter sich bleiben wollen.

Feigheit vor dem Krach kennt Gabriel jedenfalls nicht. Denn hier in einer Dessauer Berufsschule zeigt sie sich lupenrein, die Klemme, in der sich die SPD seit zwei Tagen befindet. Einstimmig hat der Parteivorstand beschlossen, ein Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin einzuleiten, die Berliner SPD redet sogar vom „kurzen Prozess“, doch die Signale von der SPD-Basis weisen in eine andere Richtung. „Wir kriegen richtig Dresche“, sagt er den Schülern, „was meinen Sie denn? 90 Prozent der E-Mails sagen: Warum schließt ihr den aus, der hat doch recht.“

„Dresche“, die gebe es, weil ja beide etwas Richtiges gesagt hätten, die Schülerin und der Schüler. Es sei eben schwer zu erklären, dass Sarrazin in vielen Beschreibungen recht habe. „Aber die These, zu der er dann kommt, dass Intelligenz sich biologisch vererbe, die ist falsch.“ Es gebe Migranten, die sich nicht anstrengen und bequem einrichten. Und es gebe viele Versäumnisse der Politik, die lange in ihnen nur Arbeitskräfte gesehen habe, die bald wieder gehen. Und, ja, der Schüler habe recht, manchmal werde Bildungsferne kulturell über die Generationen weitergegeben, übrigens nicht nur bei Migranten. Aber wenn 40 Prozent der Migranten keinen berufsqualifizierenden Abschluss machten, dann könne ihm keiner weismachen, dass die alle dümmer seien. „Sarrazins Menschenbild ist für mich, das ist für Sozialdemokraten so fremd … Wir glauben daran, dass Menschen aus ihrem Leben etwas machen können.“

Der SPD-Vorsitzende, der sich auskennt mit dem Leben in Hartz IV, mit miesen Löhnen, Aufstockern und Entmutigungen, er erreicht seine jungen Zuhörer. Später fragt einer ganz gewitzt, warum die SPD denn lieber auf große Koalition gemacht habe, statt mit Grünen und Linken den Mindestlohn durchzusetzen. Gabriel antwortet – doch Koalitionstaktik überzeugt diese Versammlung nicht.

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