Politik : Gaddafi lässt auf Bürger schießen

Libyens Staatschef geht brutal gegen Proteste vor / Benghasi „außer Kontrolle“

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Angesichts der schwersten Unruhen seit seiner Machtübernahme vor 42 Jahren hat Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi unter den Bürgern seines Landes ein Massaker anrichten lassen. In mehreren Städten feuerten Soldaten am Wochenende wahllos in die Menge. Teilweise setzten sie auch Maschinengewehre und Granaten gegen die Demonstranten ein. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch starben in den letzten Tagen 173 Personen, andere Quellen sprechen von weit über 200 Toten.

Fast alle Opfer sind durch Schüsse in Kopf, Nacken oder Brust gestorben, wie Krankenhausärzte berichteten. Sämtliche Küstenstädte im Osten des Landes scheinen der Kontrolle des Regimes entglitten, welches inzwischen auch Hundertschaften rasch eingeflogener Söldner aus frankophonen afrikanischen Staaten gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Im Internet sind erste Videos von afrikanischen Uniformierten aufgetaucht, die in den Kämpfen getötet oder gelyncht worden sind. Nach offiziellen Angaben aus Tripolis hätten „islamische Extremisten“ auch Soldaten und Zivilisten als Geiseln genommen. Diese drohten, ihre Opfer zu erschießen, wenn die Armee das Feuer nicht einstellt.

Informationen aus Libyen sind schwierig zu beschaffen. Seit Samstagnacht sind die meisten Internet-Verbindungen gekappt, die Handynetze funktionieren nur sporadisch. Der staatliche Internet-Monopolist „Libya Telecom and Technology“ wird von Gaddafis ältestem Sohn Mohammed kontrolliert. Alle ausländischen Journalisten mussten das Land verlassen, die einheimische Presse darf nicht in das 1000 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis gelegene Benghasi reisen. In Tripolis wurden Menschen, die ausländischen Medien Informationen gegeben hatten, von der Staatssicherheit verhaftet; ihre Wohnungen wurden zertrümmert.

In Benghasi schossen Soldaten am Samstag von einem Militärgelände aus mit schweren Waffen auf einen Trauerzug. Nach einem Bericht der Zeitung „Kurina“ wurden dabei mindestens zwölf Menschen getötet. Ein Italiener berichtete der Nachrichtenagentur Ansa, die Stadt sei „völlig außer Kontrolle“. Alle Regierungs- und Verwaltungsgebäude sowie eine Bank seien niedergebrannt worden. „Die Rebellen haben geplündert und alles zerstört“, sagte der Augenzeuge. Nirgendwo sei Polizei zu sehen.

Nach Angaben der Website „Libya al-Youm“ hat sich in Benghasi ein Teil der Soldaten den Aufständischen angeschlossen. Im arabischen Fernsehsender Al Dschasira sprach ein junger Aktivist wiederum von einem „offenen Krieg zwischen Protestierern und Soldaten“. Er bezifferte die Zahl der Toten allein in Benghasi auf mehr als 200. Ähnliche Zustände herrschen offenbar auch in den weiter östlich gelegenen Küstenstädten Al-Baida und Tobruk.

Inzwischen nähern sich die Unruhen aber auch der Hauptstadt Tripolis im Westen des Landes. Im 200 Kilometer entfernten Misratah kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Menge zerstörte Plakate Gaddafis und skandierte regimefeindliche Parolen. Misratah liegt auf halber Strecke zwischen Tripolis und Sirte, wo der Beduinenoberst normalerweise in seinem Zelt residiert. Zum letzten Male hatte sich der Diktator am Donnerstagmorgen öffentlich in Tripolis gezeigt, als er sich mit einem Geländewagen durch eine jubelnde Menge auf dem Grünen Platz chauffieren ließ. Auch am Sonntag versammelten sich dort wieder Gaddafi-Anhänger und riefen „Allah, Libyen und Muammar“ sowie „Muammar ist der Pionier des arabischen Nationalismus“. In Tripolis waren das ganze Wochenende Heerscharen von Geheimpolizisten auf der Straße.

Derweil richteten rund 50 Stammesälteste, religiöse Gelehrte und Intellektuelle aus allen Teilen des Landes an „jeden Muslim, sei er Mitglied oder Helfer des Regimes“ den dringenden Appell, mit dem Töten aufzuhören und „die Massaker sofort zu beenden“. Auch US-Präsident Barack Obama verurteilte die Gewalt in Libyen auf das Schärfste. Der britische Außenminister William Hague nannte das Vorgehen des libyschen Militärs „abscheulich“.

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