Politik : Ganz Kenia feiert „seinen“ Präsidenten

Autokorsos, tanzende Menschen und ein Feiertag: „Mama Sarah“ Obama jubelte nicht allein

Nur wenige haben in dieser Nacht geschlafen. Und am frühen Morgen ist ganz Kenia Präsident. In Windeseile sind sie auf die Straßen gelaufen, um den ersten schwarzen Präsidenten der USA zu feiern.

In Kisumu, der Hauptstadt der Heimatprovinz von Barack Obamas Vater, ist jetzt jeder Weiße ein Amerikaner. „Glückwunsch, welch ein wunderbarer Tag“, rufen wildfremde junge Männer, schütteln die Hände der Weißen. Die Freude ist grenzenlos. Im Jomo Kenyatta Stadion feiern sie ausgelassen in der Morgensonne, alle haben einen Obama dabei. Am T-Shirt, als Button oder in einer Plastikhülle um den Hals. „Obama, Obama“ singen, ja schreien sie. Autos hupen, erste Korsos bilden sich auf der Kenyatta Avenue, Obama-Musik dröhnt aus Lautsprechern. Es ist, als hätten sie die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen.

Am Dorfplatz in Kogelo, wo Baracks Oma, Mama Sarah, zu Hause ist, harren in dieser Nacht 1000 Menschen aus. Trotz Regen, trotz Kälte. In Daunenjacken und Pullis sitzen sie in leichten Zelten vor der Ambulanz, auf dass bestätigt werde, was für sie seit Wochen feststeht. Im entscheidenden Augenblick: keine Reaktion. Die TV-Crews können es nicht fassen. Die Leute verstehen offenbar nicht, was grade geschieht. Aber als einer beherzt zum Mikrofon greift und ihnen auf Luo die Botschaft verkündet, ist kein Halten mehr.

Obamas große kenianische Familie hat zu Hause gefeiert, neben Oma. Die einen saßen drinnen vor dem Fernseher, mit Softdrinks, Bier und Leckereien von der frisch geschlachteten Kuh. Und weil nicht alle Verwandten ins Haus passen, haben sie im Vorgarten noch ein Zelt mit Lautsprechern aufgestellt. „Wir feiern jetzt eine Woche. Aber es kann auch einen Monat dauern“, lacht eine Tante. Was kümmert es sie, dass Präsident Kibaki nur den morgigen Tag zum Feiertag erklärt hat? Baracks Tante Margaret hat das schicke blaue Businesskostüm angezogen. Irgendwann hat sie sich doch hingelegt. Ihr Mann Ezra hat durchgehalten. In Amerika. „Barack hat eine so wunderbare Rede gehalten“, freut er sich am Telefon.

Auch bei Mama Sarah auf dem Anwesen ist Party. Obamas Halbschwester Auma versucht zwar, nicht alle aufs Grundstück zu lassen, aber es hilft wenig. Die Schülerinnen der Mädchenschule tanzen mit großer US-Flagge direkt vor Omas Haus, eine Abordnung tanzt und trommelt. Selbst die Mobilfunkgesellschaft hat ihre schnarrenden Lautsprecher hierher verlegt. Dabei steht auf der Wiese schon ein ansehnlicher roter Generator und rattert. Hier tanzen sie seit Stunden, immer in wechselnder Besetzung. Obamas ältester Halbbruder Abongo hat sich in ein Hawaii-Hemd geworfen, auch der jüngste, der 26jährige George, feiert mit.

Dann kommt Mama Sarah. Eine gewaltige alte Dame im feinen Kleid mit großem Kopfputz. Ernst schaut sie drein. Fast, als sei sie selbst Präsidentin, tritt sie vor ihr flaches Steinhaus, bleibt vor einem Papp- Barack stehen, der an ihrer Haustür lehnt, guckt in die jubelnde Menge. Ja, sagt sie, sie habe heute schon mit Barack geredet. Selbst in der Familie haben nur wenige seine Nummer. Aber Mama Sarah, sagen sie, die hat sie. Dann wird die Grandma von der Menge aufgesogen. Alle wollen mit der wohl berühmtesten Oma der Welt tanzen, ihre Hand berühren, am liebsten auf ein Foto mit der 86-Jährigen.

Sie genießt den Trubel. Tanzt, lässt sich durch die Masse tragen. Aber dann zieht sie sich zurück. Oma liebt es, Hof zu halten. Die ganze Familie und viele andere pilgern zu ihr. Vom Zaun aus kann Vater Obama das Spektakel beobachten. Er ist dort begraben. Auch Männer mit Speeren sind unterwegs, die sieht die Familie nicht so gern. Aber der junge Mann, der sich aus Obama-Zeitungsseiten einen überdimensionalen Hut gebastelt hat, ist wohl gelitten. Polizisten hängen dösend auf Stühlen unter den Bäumen. Nebenan haben die Verwandten noch einen Ochsen geschlachtet. Die Männer hacken mit Beilen auf das tote Tier ein. Harte Arbeit, so eine Feier, auf die die ganze Welt guckt. Fehlt nur noch, dass der neue Präsident selbst vorbeiguckt.

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