Politik : Garangs Tod: Gefahr für den Friedensprozess?

Khartum/Kairo (01.08.2005, 12:33 Uhr) - Der Leichnam war noch nicht geborgen, da kursierten schon wilde Gerüchte über den Tod des Ex-Rebellenchefs John Garang, der vor drei Wochen auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen war. Er war zugleich Vizepräsident des gesamten Sudans und Präsident einer noch im Aufbau befindlichen Regierung für den Süden. Es sei schon erstaunlich, dass ausgerechnet einem Präsidenten-Hubschrauber, der von einem Spitzenpiloten geflogen wird, so etwas passiere, hieß es am Montag in diplomatischen Kreisen in Nairobi. Andererseits seien die Flugbedingungen in der Regenzeit tatsächlich oft sehr schwierig.

Der in der Öffentlichkeit oft charmant auftretende Garang hatte viele Feinde, sowohl in der sudanesischen Regierung, die er jahrzehntelang bekämpft hatte, als auch in den eigenen Reihen, in denen er als brutaler Alleinherrscher bekannt war. Unabhängig von den Umständen des Hubschrauber-Absturzes bedeutet sein Tod nach Ansicht von Beobachtern eine große Gefahr für den Friedensprozess im ganzen Land. Es sei gut möglich, dass der längste Bürgerkrieg Afrikas, der im Januar offiziell beendet wurde, in Folge diese Ereignisses nun wieder aufflackere, hieß es in diplomatischen Kreisen.

«Garang hatte die Zügel immer allein in der Hand. Es wird schwer, einen Nachfolger zu finden, der die Massen so hinter sich vereinen kann wie er», sagte ein für Sudan zuständiger UN-Mitarbeiter. «Die neue Regierung für den Süden ist alles andere als handlungsfähig.» Die Menschenrechtsbewegung Human Rights Watch zeigte sich vorsichtig optimistisch: «Jetzt besteht immerhin die Möglichkeit, dass demokratischer eingestellte Politiker im Süden die Führung übernehmen», sagte Sudan-Expertin Jemera Rone.

Die frühere Rebellenbewegung SPLM war seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit der sudanesischen Regierung im Januar ohnehin von Spaltungen bedroht. Zahlreiche Anhänger nahmen es Garang übel, dass er die wichtigsten Ämter alle an sich riss und sich nicht mehr eindeutig zur angestrebten Unabhängigkeit von Khartum bekannte. Gemäß dem Abkommen soll in einem Volksentscheid in sechs Jahren darüber entschieden werden, ob der Süden ganz autonom werden soll.

Schon Stunden nach der Bekanntgabe des Todes kam es zu Schießereien und Plünderungen sowohl im Süden des Landes als auch in der Hauptstadt. Die sudanesische Regierung verpflichtete sich umgehend, den Friedensprozess mit dem Süden fortzusetzen. So lange der Süden sich nicht auf eine von allen akzeptierte Führung einigt, kann sie sich jedoch zurücklehnen. (Von Ulrike Koltermann, dpa)

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