Politik : Gauck-Nachfolge: Aktenlänge: 180 Kilometer

Robert Ide

Seine politische Karriere begann ungewöhnlich - auf dem Land und in der Kirche. Als Pastor baute Joachim Gauck in Mecklenburg kleine evangelische Gemeinden auf, ehe er sich in der Rostocker Bürgerbewegung engagierte. 1990 wurde er in die erste frei gewählte Volkskammer gewählt und kämpfte dort für die Öffnung der Stasi-Akten. In zähen Verhandlungen mit der Bundesregierung konnte er alle Versuche abwehren, das Material zu vernichten oder einzulagern. Lohn für sein Engagement war der Chefsessel der neuen Akten-Behörde. Harte Debatten mit Manfred Stolpe und Gregor Gysi um deren Stasi-Kontakte sowie mit Helmut Kohl um MfS-Abhörprotokolle brachten Gauck in die Schlagzeilen. Ihn persönlich hat das nie gestört. Der 60-Jährige würde gerne weiter Politik machen.

Beim "Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen" werden mehr als 180 Kilometer MfS-Akten sowie 40 Millionen Karteikarten gesichtet und bearbeitet. Seit 1992 haben 1,7 Millionen Bürger einen Antrag auf Einsicht in die Dossiers gestellt. Gleichzeitig gingen im Berliner Amt und den 14 Außenstellen fast drei Millionen Ersuche von Parteien, Parlamenten und Arbeitgebern zur Überprüfung von Mitarbeitern auf mögliche Stasi-Verstrickungen ein. Neben der Bearbeitung von Anträgen und der Wiederherstellung zerstörter Akten erforscht die Behörde Strukturen und Funktionsweisen des ehemaligen MfS. Die Arbeit der 2700 Behörden-Mitarbeiter kostet den deutschen Steuerzahler jährlich 220 Millionen Mark. Bundeskanzler Schröder hat bei einem Behörden-Besuch im Januar Kontinuität bei der Aufarbeitung zugesichert.

Das Stasi-Unterlagengesetz garantiert in Deutschland die Transparenz der Akten. In einigen mittel- und osteuropäischen Ländern gibt es zwar ähnliche Behörden, dort sind jedoch viele Akten verschwunden. In Ungarn sollen 60 000 Dossiers verschollen sein, auch in Bulgarien sollen die brisantes-ten Unterlagen fehlen. In Tschechien gibt es seit 1997 ein Recht auf Akten-Einsicht, auch in Polen begann nach langem Zögern die Aufarbeitung. 1997 wurde in Warschau ein mildes Gesetz zur "Durchleuchtung" von Politikern verabschiedet, das jedoch vor einigen Wochen in die Kritik geriet. Angebliche Geheimdienst-Verstrickungen der beiden Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahl, Aleksander Kwasniewski und Lech Walesa, beherrschten die Schlagzeilen. In Rumänien und Albanien kann das nicht passieren. Dort sind die Akten weiterhin geschlossen.

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