Politik : Gauck-Nachfolge: Joachim Gauck über Aufarbeitung, Befreiung und neue Amts-Namen

Herr Gauck[was wünschen Sie Ihrer Nachfolger]

Joachim Gauck (60) leitete zehn Jahre lang das Amt des Bundesbeauftragten für die Stasi-Akten. In dieser Zeit setzte er sich vehement gegen alle Versuche zur Wehr, einen Schlußstrich unter die Auseinandersetzung mit dem MfS-Erbe zu setzen.

Herr Gauck, was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin Marianne Birthler für ihre zukünftige Arbeit?

Unabhängigkeit. Marianne Birthler hat diese Eigenschaft ja schon früher ausgezeichnet. Deshalb habe ich da keine Sorge.

Frau Birthler hat angekündigt, neue Akzente in der Behörde zu setzen und die politische Bildungsarbeit zu stärken ...

Schon in meiner Amtszeit hat eine Akzentverschiebung in Richtung politische Bildung stattgefunden. Wenn Kinder heutzutage fragen, warum denn der Gauck so viele Akten angelegt hat, dann spiegelt sich darin die ganze Naivität, die es in Ostdeutschland bezüglich der Vergangenheit gibt. Es kann sich doch kein Mensch mehr vorstellen, wie das ist, wenn Kinder auf dem Schulhof als Spitzel angeworben werden. Da ist noch eine breite Aufklärung vonnöten.

Können Sie unter diesen Umständen zufrieden mit der Wirkung Ihrer Arbeit sein?

Nein, natürlich nicht. Ich wäre zufrieden, wenn 90 Prozent der Ostdeutschen im Lager der politischen Aufklärung zu Hause wären. Aber leider gibt es eine Spaltung der ostdeutschen Gesellschaft. Viel mehr Leute hängen nostalgischem Gedankengut an, als mir lieb ist. Eine Menge denken so wie nach dem Krieg: Augen zu und durch, bloß nicht drüber sprechen.

Wie lange wird es die Gauck-Behörde noch geben?

Mindestens eine Generation lang. Viele Menschen stellen erst jetzt einen Antrag auf Akteneinsicht. Es braucht einfach Zeit, das genaue Wissen über die Vergangenheit zu ertragen. Wir wissen vom Umgang mit der anderen deutschen Diktatur, dass oft ein oder zwei Generationen lang geschwiegen wird. Menschliches Leid macht stumm und taub. Es verschließt die Seele für lange Zeit.

Wie kann sich die Gesellschaft befreien?

Sich zu befreien hieße, unsere Sinne und unseren Verstand zu befreien. So gesehen ist das Eintreten in den Raum der politischen Aufklärung verbunden mit vielen Schritten des Abschieds. Das fällt nicht leicht.

Herr Gauck, werden Sie zukünftig von der "Birthler-Behörde" sprechen?

Ich habe den Namen "Gauck-Behörde" nicht erfunden. Und so, wie ich Frau Birthler kenne, strebt sie den Namen "Birthler-Behörde" nicht an. Ich kann jedenfalls gut auf die Benennung nach meiner Person verzichten, ich habe schließlich ein gut funktionierendes Selbstbewusstsein. Und wenn die Behörde mal nach meiner Nachfolgerin benannt sein sollte, werde ich ihr die Hand schütteln und sagen: Herzlichen Glückwunsch!

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