• Gauck-Nachfolge: Marianne Birthler will vorwärts leben - auch als neue Chefin der Stasi-Akten. Das ist ein ehrgeiziges Vorhaben.

Politik : Gauck-Nachfolge: Marianne Birthler will vorwärts leben - auch als neue Chefin der Stasi-Akten. Das ist ein ehrgeiziges Vorhaben.

Kerstin Decker

Café Mierscheid, Luisenstraße, Ecke Reinhardt-Straße in Berlin-Mitte. Dem Adler überm Eingang ist eine große blaue Feder ausgefallen. Er ist ein sehr naher Verwandter des Bundesadlers, nur eben blau. Außerdem mausert der Bundesadler nie. - Warten Sie, Mierscheid, das war doch dieser Abgeordnete, den seine Bundestagskollegen zum Spaß erfunden hatten, der aus einem Büro, das es gar nicht gab, immerzu fiktive Pressemitteilungen verschickte? - Marianne Birthler lacht. Mierscheid gefällt ihr. Dabei klingt das Verschicken fiktiver Pressemitteilungen aus fiktiven Büros durch inexistente Abgeordnete fast wie ein geheimdienstlich relevanter Fall. Marianne Birthler lacht sonst grundsätzlich nie bei geheimdienstlich relevanten Fällen. Vielleicht auch deshalb hat sie nun die Oberaufsicht darüber bekommen. Jedenfalls über die aus der DDR. Marianne Birthler ist seit gestern Chefin der Gauck-Behörde. Umbenennen müssen wir die trotzdem nicht.

Marianne Birthler mag das "Mierscheid". Und Vögel, denen ein paar Federn fehlen, mag sie auch. Im Grunde ist sie ja selbst so einer. "Die Absteigerin" untertitelte diese Zeitung vor zwei Jahren ein Marianne-Birthler-Porträt. Da wollte sie gerade zurückkehren in die Politik. Aber ihre Partei gab der einstigen Bündnis 90 / Die Grünen-Sprecherin keinen der drei sicheren Listenplätze für den Bundestag. Nein, Absteigerin wird keiner mehr zu ihr sagen.

Die zukünftige Chefin der Gauck-Behörde isst ein Lachssteak. Ausgezeichnete Küche hier, sagt sie. Warum kann man sich Joachim Gauck schwer beim Lachssteak-Essen vorstellen? Vielleicht ist die Mundlinie nicht gourmethaft genug. Ist ja schließlich auch kein Feinschmeckeramt. Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheit der DDR. Da fällt einem doch fast die Gabel aus der Hand. Marianne Birthler nicht. Birthler-Behörde? Nein, das hört sich seltsam an.

Auch wenn die Presse schon lange vorher meldete: "Gauck heißt jetzt Birthler". Keine Gegenkandidaten. Alles gelaufen. - Sie glaubte das bis zuletzt nicht. Und "alles gelaufen" - ist das nicht auch ein komisches Wort für eine aus dem Osten?

Weder rot noch Atheistin

Zum Beispiel Anfang der Neunziger, als Marianne Birthler, die Katechetin, die Gemeindehelferin in Brandenburg, Bildungsministerin war und das Fach LER (Lebenskunde-Ethik-Religion) einführen wollte. "Da dachte ich doch, das finden alle wunderbar!" Schon, weil es so sagenhaft vernünftig war. Endlich das Gespräch finden zwischen Atheisten und Christen, das die DDR unmöglich gemacht hatte. Und Toleranz lernen. "Sie sehen doch, wie das jetzt sonst im Osten läuft. Ein paar Schüler machen Religion, die absolute Mehrheit Ethik. Befestigung des Status quo ist das." Nein, Marianne Birthler hätte nie gedacht, dass man LER, diese schöne, noch in der DDR geborene Idee, einmal vors Bundesverfassungsgericht bringen wird. Eigentlich, überlegt sie, wollte ich das Fach ja "Gott und die Welt" nennen. Ob man wegen "Gott und der Welt" auch nach Karlsruhe ziehen kann? Neben Marianne Birthler auf dem Tisch liegt Gustav Heinemanns Buch "Einspruch". Mittagspausenlektüre. Es sei enorm gut, was der über das Verhältnis von Staat und Religion gesagt habe. "Nur wenn ich dasselbe sage, rufen alle gleich: dieser rote, atheistische Osten!" Dabei ist Marianne Birthler gar nicht rot und schon gar keine Atheistin.

Leben ist ein anderes Wort für Missverstandenwerden. Es gibt noch ein Missverständnis, sagt die Bürgerrechtlerin und senkt konspirativ die Stimme: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass ich nie das Wort "Bürgerrechtler" benutze? Nie! "Bürgerrechtler" sei nämlich ein Kampfbegriff geworden. Ein Pseudonym für die Ewiggestrigen. Für solche, die nur rückwärts leben. "Ihr interessiert euch ja doch bloß für die Vergangenheit!" Marianne Birthler legt das Besteck weg: Wenn ich als Bündnis 90 / Grünen-Sprecherin früher eine Stunde über die Gegenwart geredet habe und drei Minuten über die Vergangenheit, womit wurde ich dann wohl zitiert? Mit den drei Minuten Vergangenheit natürlich!

Ein paar Abgeordnete und andere Angehörige der Klasse der Falschzitierten, die mittags ins "Mierscheid" kommen, schauen Marianne Birthler mitfühlend an. Genau darum, wegen dieser Aura der Gestrigkeit, wollte sie zuerst auch gar nicht Gauck-Nachfolgerin werden. Und schließlich hatte sie sich gerade zur "Organisationsberaterin" weitergebildet. Am Institut für Gestalttherapie und Gestaltpädagogik (IGG). Marianne Birthler, die einstige Außenwirtschaftlerin, überlegte kurz, sich ganz und gar selbstständig zu machen - wenn ihre Partei ohne sie klarkommt, warum nicht auch sie ohne ihre Partei? Dann wurde sie aber doch "Referentin für Personalentwicklung und Weiterbildung" bei Bündnis 90 / Die Grünen. Es ist sehr schwer, sich den Alltag einer "Referentin für Personalentwicklung und Weiterbildung" vorzustellen, aber die neue Gauck-Behörden-Chefin versichert, dass es sich um eine absolut zukunftsweisende Tätigkeit handelte. Und sie hätte das noch lange machen können.

Ist Gauck-Behörden-Chefin also doch eine rückwärtsweisende Tätigkeit? Ein Ruck geht durch die Nachfolgerin: Ich habe den Eindruck, dass Sie über die Zielstellungen und Aufgaben der Behörde nur teilweise etwas wissen!, sagt sie mit plötzlicher Schärfe. Ja, Marianne Birthler kann sehr grundsätzlich sein. Auch dann noch, wenn alle anderen schon längst nicht-grundsätzlich sind. Grundsätzliche Marianne-Birthler-Sätze fangen etwa so an: "Ich würde gern einen Beitrag dazu leisten, Menschen zu ermutigen ..." Der Schluss geht unter in der Bestellung des Nebentisches. Marianne Birthler wiederholt, diesmal mit viel Kraft: " ... die Menschen zu ermutigen, mit der eigenen Geschichte zu leben". Marianne Birthler ist von dem Satz überzeugt. Dass er den Stasi-Akten das Deutungsmonopol überlässt, was die je "eigene Geschichte" war, stört sie nicht. Marianne Birthler sieht jetzt ein bisschen ungeduldig aus. Was sind das für Fragen? Ihr Blick wird forschend.

Draußen vorm Café kämpft ein Mann mit der Lanze. Sein Sparringspartner, ein Ungeheuer, liegt bereits am Boden, reckt aber noch den schlangenumkränzten Kopf und züngelt mit dem Löwenschwanz. Joachim Gauck und die Stasi? Marianne Birthler sieht in Richtung Denkmal, eine Allensbach-Untersuchung aus den späten 40er und frühen 50er Jahren fällt ihr ein. Damals habe man in der alten Bundesrepublik über den Nationalsozialismus genau so gedacht wie viele vormalige DDR-Bürger heute über die DDR. War doch alles gar nicht so schlecht. Und der Zusammenhalt war größer. Bis in die Formulierungen hinein alles ähnlich!, sagt Marianne Birthler mit Begeisterung.

Gute Könige, böse Könige

Ein bisschen fremd sind ihre Landsleute ihr schon. Die meisten wollen doch einen guten König, der sein Land liebt und für die Menschen sorgt, hat sie mal gesagt. Richtige Landesväter eben, solche wie Biedenkopf oder Stolpe. Marianne Birthler, man sieht es ihr an, hält nicht viel von guten Königen. Vor allem nicht, wenn sie glaubt, dass der gute König in Wirklichkeit ein böser König ist. 1992 trat sie von ihrem Amt als Brandenburgische Bildungsministerin zurück. Aus Protest. Weil die Gauck-Behörde mit ihren Akten über das Verhältnis des ehemaligen Kirchenmannes zur Staatssicherheit den Fingerzeig "böser König" gab. Nachher fragte sie eine Frau beim Einkaufen, was sie, im Unterschied zu Herrn Stolpe, eigentlich für die Menschen in der DDR getan habe. - Kränkt sie das? Würde sie heute noch einmal zurücktreten, ein Amt aufgeben, das ihr so wichtig war?

Das Café Mierscheid ist fast leer, die Mittagspause der Ämter und Parlamentarier vorüber. Wer jetzt noch bleibt, ist aus dem Kreis der Tätigen und Eiligen schon herausgefallen. In solchen Stunden verschwimmen die Grenzen von Gegenwart und Vergangenheit, man begreift, dass das Vergangene nie wirklich vorbei ist. Marianne Birthlers Augen werden sehr schmal: Ich bin zurückgetreten, sagt sie, das war mein Kommentar. Es klingt endgültig, vielleicht eine Spur zu endgültig. Manches wäre ihr erspart geblieben. Sie wäre 1998 wohl nicht als Direktkandidatin der Grünen im Wahlbezirk Mitte / Prenzlauer Berg gegen Wolfgang Thierse und Petra Pau angetreten. Und hätte nicht verloren gegen die einstige Pionierleiterin.

Aber das mit den Königen ist schon schwierig. Man trifft sie überall. Die Behörde, der Marianne Birthler bald vorstehen soll - rund 3000 Beschäftigte, 220 Millionen Mark Etat im Jahr - ist organisiert wie ein Königtum, sagen manche. Strenges Feudalsystem. Und Gauck war der König. Ein guter natürlich. Weil seine Behörde ein gutes Königtum ist. Wird sie jetzt Königin? Marianne Birthler sagt: Es gibt viele Ostdeutsche, die sehr stolz sind auf die Gauck-Behörde. Natürlich haben sie Recht. Nur zwei eigene Dinge hat die DDR schließlich in die deutsche Einheit mitgebracht, die Übergangsregelung für den Schwangerschaftsabbruch und das Stasi-Unterlagengesetz.

Marianne Birthler fixiert wieder das Standbild draußen vorm "Mierscheid", und Wolfgang Schäubles 89er-Plan fällt ihr ein, die Stasi-Akten für dreißig Jahre wegzuschließen. Wegen des inneren Friedens. Marianne Birthlers schaut jetzt etwas höhnisch. Innerer Frieden durch Wegschließen? Und sie sage jetzt mal, woran sie glaube: "Ich glaube, dass die Gauck-Behörde einen Beitrag zur gesellschaftlichen Versöhnung leistet." Zwei Millionen haben bisher ihre Akten eingesehen und wurden so "Herren ihrer eigenen Geschichte". Marianne Birthler wechselt, etwas hoheitsvoll und nachsichtig zugleich, in den Duktus für Grundsätzliches: "Ich spreche gern von der Stasi als dem Eingeweide der Diktatur." Zum allerersten Mal in der Geschichte sei es passiert, dass dieses Wesen einer Diktatur offen gelegt wurde. Und wirklich: Man mag sich nicht vorstellen, wie die Verdächtigungen übers Land geweht wären - und niemand da, sie zu prüfen.

Ein bis zwei Prozent waren bei der Staatssicherheit, vom Hauptamtlichen bis zum IM. Mehr nicht, sagt sie. - Marianne Birthler bemerkt die überraschte Reaktion ihres Gegenübers, vernimmt den unbedachten Ausruf "Aber dann war das ja beinahe eine Randerscheinung!" und verkapselt sich wieder in Strenge: "So würde ich das nicht nennen!" Schließlich wird man nicht zur Chefin einer Behörde für Randerscheinungen gewählt. Nein, Randerscheinung ist falsch. Manchmal sind Randerscheinungen das Zentrum einer Sache.

Glücklich in der Diktatur?

Gerade erscheint ein Buch, dessen Autor sie sicher auch mit den Worten begegnen würde: Ich habe den Eindruck, dass Sie über Zielstellungen und Aufgaben der Behörde nur teilweise etwas wissen. Es sind Alexander Osangs "Die Nachrichten", die Geschichte eines ostdeutschen Aufsteigers, den das Gerücht, er sei Stasi-Mitarbeiter gewesen, zurückschleudert in die Vergangenheit. Ein ziemlich böses Porträt des Königreichs der Versöhnung im zehnten Jahr der Einheit. Marianne Birthler hat noch nichts davon gehört. Wahrscheinlich wird sie es nicht verstehen. Ist es nicht voll von "Täter-Gedanken" eines Nicht-Täters? Nicht jedes Schicksal fügt sich in das einfache Opfer-Täter-Schema.

Marianne Birthler weiß viel über das Missverständnis als zweite Natur des Lebens. Doch der Gedanke, dass noch die Institution, die endlich Gerechtigkeit herstellt, neue Ungerechtigkeit hervorbringen kann, ist der einstigen Katechetin und Gemeindehelferin seltsam fremd. Aber ist es nicht die tiefste Einsicht des Glaubens? Menschliche Einrichtungen sind doppeldeutig, ungenügend. Vielleicht sogar die Gauck-Behörde.

Nein, die Birthler-Behörde. Ab sofort wird nicht mehr "gegauckt". Wird es dafür noch einen neuen Namen geben? Die Nachfrage geht ohnehin zurück. Was bleibt zu tun außer der Einrichtung von Archiven?

Wir brauchen die Stasi-Unterlagen für Rentenanträge, überlegt Marianne Birthler.

Für was?

Na, für Rentenanträge. Für die 200 000 Hauptamtlichen, die bei der Stasi waren. Die müssen doch Rente kriegen.

Königin der Akten sein, ist eben auch sehr schwer. Und wer sagt eigentlich, dass Monarchen alle lieben sollen, für die sie sorgen müssen? "Organisationsberaterin" - keine schlechte Ausbildung für das, was die Behörde noch vorhat.

In den Westen wollte Marianne Birthler früher nie. Wenn du hier nicht glücklich wirst, schaffst du das dort auch nicht, hat sie gedacht. - Was ist das? Eine Bürgerrechtlerin, die keine sein will, gibt zu, dass man in der Diktatur glücklich sein konnte? - Marianne Birthler stöhnt leise auf und sagt, dass sie nun wirklich gehen müsse. Es ist zu spät für Glück und Diktatur.

Draußen läuft sie am Drachentöter vorbei. Es ist gar nicht Gauck. Es ist Rudolf Virchow, der Arzt.

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