Gauland und der Fall Boateng : Wenn die AfD ein Eigentor schießt

AfD-Vize Alexander Gauland fühlt sich im Fall Boateng falsch verstanden - was bleibt, ist ein weiteres Zerwürfnis mit Parteichefin Frauke Petry.

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AfD-Vize Alexander Gauland und Parteichefin Frauke Petry.
AfD-Vize Alexander Gauland und Parteichefin Frauke Petry.Foto: AFP

Eine der Theorien über die AfD besagt, dass ihre Politiker besonders raffiniert darin sind, mit Thesen und Zitaten zu provozieren. Auf den öffentlichen Aufschrei folgt regelmäßig die Beteuerung, man sei falsch verstanden worden. Nicht nur in Deutschland verfahren Rechtspopulisten oft so: weil sie die mediale Bühne brauchen und weil das eigene Publikum stets mit neuen Geschichten versorgt werden muss, damit der Ruf als Anti-Establishment-Bewegung erhalten bleibt.

In der Tat haben die Entgleisungen von AfD-Politikern in den vergangenen Monaten den Umfragewerten der Partei nicht geschadet – wobei unklar ist, wo die Partei stehen würde, wenn es all die Äußerungen nicht gäbe, die als islamfeindlich oder rassistisch interpretiert werden können. Womöglich wissen die Spitzen der Partei selbst nicht genau, bis zu welchem Punkt eine Provokation nutzt und ab wann sie für die Partei schädlich ist.

Darauf deuten jedenfalls die Rückzugsgefechte hin, die häufig überraschend ungeordnet verlaufen und die neue innerparteiliche Gräben aufreißen – wie jetzt auch im Fall von AfD-Vize Alexander Gauland. Ihn hatte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ („FAS“) am Wochenende mit Bezug auf den Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng so zitiert: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Die Zeitung hatte daraus die Schlagzeile gemacht: „Gauland beleidigt Boateng“.

Auch Petry hatte sich Schnitzer geleistet

Gauland klingt zerknirscht am Dienstag danach. Hunderte von Mails habe er bekommen, versehen mit persönlichen Schmähungen. Aus der AfD-Mitgliedschaft heraus hingegen hat es offenbar keine Welle der Empörung gegeben. So ist ein Schreiben Gaulands vom Montagabend wohl auch eher als Zeichen an die Öffentlichkeit zu verstehen. Darin beklagt er „einen Bruch aller Regeln“ durch die „FAS“, denn es habe sich um ein vertrauliches Hintergrundgespräch gehandelt. Bisher galt Gauland als ein Politiker, der – anders als viele seiner Kollegen – nicht bei jeder Aussage ausdrücklich Wert auf eine Autorisierung legt.

In seiner Reaktion am Sonntag hatte Gauland erklärt, er habe in dem Gespräch „die Einstellung mancher Menschen beschrieben, aber mich an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert, dessen gelungene Integration und christliches Glaubensbekenntnis mir aus Berichten über ihn bekannt sind“. In dem Mitgliederbrief schreibt er nun: „Dabei mag das Zitat von der Nachbarschaft gefallen sein.“ Er habe dem keine Bedeutung beigemessen, da das Gespräch nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen sei.

Wie auch immer der genaue Ablauf war – die „FAS“ vertritt den Standpunkt, Gauland habe nicht auf einer Autorisierung bestanden –, den Zusammenhalt in der Parteiführung hat der Fall jedenfalls nicht gestärkt. Insbesondere die Reaktion von Parteichefin Frauke Petry fiel sehr zum Ärger Gaulands aus. Petry hatte nach einem Telefonat mit ihm am Sonntag erklärt: „Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat. Ich entschuldige mich unabhängig davon bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist.“ Nicht nur aus Sicht des 75 Jahre alten Parteivizes konnte das so interpretiert werden, als sei dieser nicht mehr ganz Herr seiner Sinne. Die AfD-Spitze stellte sich jedenfalls hinter Gauland. Die Kritik von Petry sei nicht gut angekommen, hieß es am Dienstag in Parteikreisen nach einer Debatte im Bundesvorstand. Zumal auch Petry sich mit ihrem Zitat zu einem Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge schon einen Schnitzer geleistet hat. Harmonie jedenfalls ist innerhalb der AfD-Spitze auch in Zukunft nicht zu erwarten.

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