Gaza-Konflikt : "Eine neue Form des Krieges"

Israel und Hamas bekämpfen sich nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Bildern. Der Militärexperte Herfried Münkler über Häuserkämpfe, Exit-Strategien und die Rolle der Weltöffentlichkeit im Gaza-Konflikt.

Gaza
Israelische Artillerie feuert Rauchbomben in den Gazastreifen. -Foto: AFP

Israel bombardiert den Gaza-Streifen und ist dort mit Panzern und großen Truppenverbänden einmarschiert. Die radikal-islamische Hamas wehrt sich mit selbstgebauten Raketen und im Häuserkampf. Ist das eine neue Form des bewaffneten Konflikts?



Ja, das ist eindeutig eine Auseinandersetzung vom Typ "neuer Krieg". Hier kämpfen zwei strukturell unterschiedliche Konfliktparteien gegeneinander. Die eine Seite tritt mit modernster Kriegstechnik an, die andere Seite reagiert mit der medialen Inszenierung von Opfern. Hamas kämpft um die Meinung der Weltöffentlichkeit und versucht, die globale Aufmerksamkeit als Defensivwaffe gegen Israel zu nutzen. Die Israelis dagegen sind militärisch unendlich überlegen. Sie kontrollieren den Luftraum über dem Gaza-Streifen und sind in der Lage, jedes Ziel nach Belieben anzugreifen.

Steht in diesem asymmetrischen Kampf um die Meinung der Weltöffentlichkeit Israel schon als Verlierer fest?

Den Krieg der Bilder können die Israelis nur verlieren. Irgendwann dominieren die Bilder von verwundeten, leidenden palästinensischen Kindern alle anderen Eindrücke aus diesem Krieg und beherrschen unsere Vorstellung.

Was bedeutet das für den Kriegsverlauf?

Israel könnte nur wenig Zeit bleiben, bis die Stimmung weltweit kippt - auch in den USA. Wenn die Kämpfe im Gaza-Streifen weltweit massiv kritisiert werden, bleibt den Israelis nur noch der Rückzug. Israel befindet sich von Anfang an in der Rolle des Goliaths. Die andere Seite, die Palästinenser, sind automatisch David. Das hat schon Yassir Arafat politisch genutzt, als bei der ersten Intifada palästinensische Kinder israelische Soldaten mit Steinschleudern angriffen.

Eine klassische Entscheidungsschlacht wird es in diesem Konflikt nicht geben. Sehen Sie eine Möglichkeit, wie ein solcher Konflikt militärisch gewonnen werden kann?

Die militärische Überlegenheit der Israelis ist deutlich. Sie können mit ihren Hightech-Waffen Ziele recht genau angreifen, im Gegensatz zur Hamas mit ihren Kassam-Raketen. Doch der militärische Sieg war schon immer daran gekoppelt, dass er auch politisch umgesetzt werden muss. Eine militärische Schwächung von Hamas, das Verhindern von Raketenangriffen auf Israel wäre bereits ein Erfolg. Oder wenn Hamas an politischem Einfluss verliert, weil die Bevölkerung im Gaza-Streifen erkennt, dass mit der aktuellen Regierung und ihrer aggressiven Politik immer wieder Gegenschläge Israels und neue Gewalt verbunden sind.

Halten Sie einen dauerhaften Erfolg der Operation "Gegossenes Blei" für möglich?

Eine militärische Schwächung von Hamas lässt sich schon jetzt feststellen. Entscheidend ist jedoch, wie sich das auf die Bevölkerung im Gaza-Streifen auswirkt. Ob die Menschen eher hinter Hamas stehen werden und gemeinsam gegen die Israelis kämpfen wollen, oder ob die Sympathie für die radikal-islamische Organisation sinkt und Alternativen gesucht werden, lässt sich momentan nicht prognostizieren.

Was deutet für Sie auf einen möglichen Sympathieverlust hin?

Im Prinzip ist der gesamte Gaza-Streifen eine große Sozialeinrichtung, die von außen mit Hilfslieferungen versorgt wird. Die Entwicklungshilfe der internationalen Staatengemeinschaft, auch die der EU, ist im Prinzip ein Gewaltabkauf. Der Kompromiss lautet: Wenn wir euch Geld und Güter geben, dann begeht ihr keine Gewalttaten. Momentan können die Hilfsorganisationen nichts in den Gaza-Streifen liefern - vielleicht verliert Hamas nun an Zustimmung.

Der Gaza-Streifen ist eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. Muss die israelische Armee dort um jedes Haus kämpfen, um erfolgreich zu sein?

Nicht unbedingt. Aber auch Straßenkämpfe kann man militärisch gewinnen. Bei Häuserkampf gibt es nur wenige für die Israelis negative Bilder, weil Journalisten in solchen Situationen nicht arbeiten können. Die Öffentlichkeit bekommt also relativ wenig mit. Aber die Opfer unter der Zivilbevölkerung sind hoch, wenn Scharfschützen aus Wohnhäusern auf Soldaten feuern und die Armee mit Artillerie zurückschießt.

Militärs fürchten Straßenkämpfe wegen der hohen Gefahr für die eigenen Soldaten.

Um mit dieser Strategie erfolgreich zu sein, muss man das Einsatzgebiet teilen und so verhindern, dass der Gegner sich frei bewegen kann. Dann werden einzelne Viertel herausgegriffen, abgeriegelt und Straße für Straße nach Gegnern abgesucht. Dafür braucht man allerdings sehr viele Infanteristen. Und Hamas ist auf eine solche Situation vorbereitet, die Kämpfer haben sicherlich Tunnel gegraben und Waffen versteckt.

Was wäre dann aus militärischer Sicht eine Alternative?

Die Russen haben in Tschetschenien gezeigt, dass man asymmetrische Gegner aushungern kann. Das ist eine grausame Methode, unter der vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Bei der Belagerung von Grosny funktionierte das jedoch. Die israelische Armee wird sicherlich eine weniger radikale Form wählen. Wenn kein Strom, kein Gas und kein Treibstoff in den Gaza-Steifen kommen, kann Hamas kaum noch kämpfen. Das hat aber einen furchtbaren Preis.

Gibt es aus der jüngsten Geschichte Beispiele für einen Sieg einer regulären Armee gegen einen solchen Gegner?

Nachdem die Amerikaner im Irak unter General Petraeus ihre Strategie geändert haben und Verbündete unter den vormaligen Kontrahenten gesucht haben, verbesserte sich die Sicherheitslage. Das könnte auch für die Israelis ein Erfolgsrezept werden. Sie müssen innerhalb der Bevölkerung des Gaza-Streifens Verbündete für ihre Politik finden.

Die israelische Armee gilt als eine der modernsten weltweit. Ist sie besser auf asymmetrische Kriege eingestellt als die europäischen Streitkräfte, die in Afghanistan gegen Aufständische kämpfen?

Die israelische Armee ist sehr gut ausgebildet. Dass eine europäische Armee diese Kampfleistung erbringt, halte ich für unwahrscheinlich. Aber die israelische Gesellschaft hat sich gewandelt und unterstützt Kriegseinsätze nicht mehr so bedingungslos wie noch vor einigen Jahren. Ich nenne diesen Prozess eine Entwicklung zur post-heroischen Gesellschaft. Größere Opferzahlen unter den eigenen Soldaten und unter der Zivilbevölkerung werden auf Dauer nicht akzeptiert.

Israel will den Gaza-Streifen nicht erneut besetzen, sagen Militärsprecher. Wie kann eine Exit-Strategie für die Armee aussehen?

Die israelische Armee kann den Gaza-Streifen erst verlassen, wenn Hamas Zugeständnisse macht, etwa einen Gewaltverzicht erklärt oder Israel anerkennt. Dann könnte Israel im Gegenzug eine Hamas-Regierung akzeptieren.

Wie könnte ein Ende des aktuellen Konflikts im Gaza-Streifen aussehen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Der Krieg kann ganz schnell vorbei sein, wenn eine humanitäre Katastrophe eintritt, wenn beispielsweise eine israelische Rakete ein Krankenhaus trifft. Dann wäre Israel gezwungen, eine Waffenruhe einzugehen. Ein dauerhafter Frieden kann aber nur erreicht werden, wenn Hamas begreift, dass sie verloren hat, und erklärt, künftig auf Gewalt gegen Israel zu verzichten.

Das Gespräch führte Hauke Friederichs.

Herfried Münkler, 57, ist Historiker und Politologe. Er lehrt unter anderem Kriegstheorie an der Humboldt-Universität in Berlin.


Mit freundlicher Genehmigung von Zeit Online


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