Gazakrieg : "Die Armee wird in Israel fast als etwas Heiliges gesehen“

Israelische Soldaten haben mit ihren Aussagen zum Gazakrieg eine erhitzte Debatte ausgelöst. Eine Organisation von Ex-Armeeangehörigen sammelt Belege für Menschenrechtsverletzungen - auch gegen den Widerstand der Öffentlichkeit.

Karin Schädler

Noam Chajut wird erst in einigen Monaten sprechen. Noch sammelt der junge Israeli geduldig und penibel Zeugenaussagen israelischer Soldaten zum Vorgehen der Armee während des Gazakrieges. Mit weniger als zwei Zeugen zu einem Vorfall gibt sich der Ex-Offizier nicht zufrieden. Nur dann, so ist Chajut überzeugt, sei seine Arbeit seriös genug.

Als in dieser Woche die israelischen Tageszeitungen „Haaretz“ und „Maariw“ über Zeugenaussagen von Armeeangehörigen über Menschenrechtsverletzungen im Gazakrieg berichteten, war Chajut hoch erfreut. „Das ist genau das, was wir seit Jahren tun“, sagte der 29-Jährige dem Tagesspiegel. Gemeinsam mit anderen Ex-Offizieren gründete Chajut vor fünf Jahren die Organisation „Breaking the Silence“. Sie dokumentiert Zeugenaussagen von Armeeangehörigen, die in den besetzten Gebieten Westjordanland und Gazastreifen stationiert waren.

Über 600 Aussagen hat die Organisation gesammelt und dabei zahllose Fälle, etwa von Misshandlungen von Palästinensern, Plünderungen und Häuserzerstörungen, dokumentiert. „Wenn Palästinenser oder Menschenrechtsorganisationen solche Vorfälle anprangern, wird gesagt, sie seien Antisemiten oder einfach Lügner“, sagt Chajut. Angehörige der Armee hingegen seien in Israel hoch geachtet. „Wenn sie darüber sprechen, ist es schwerer, es zu leugnen.“

Die aktuellen Zeugenaussagen haben eine Debatte angestoßen, in der sich nun auch immer mehr Soldaten und Offiziere zu Wort melden, die gegen die „Nestbeschmutzer“ aus den eigenen Reihen das Wort ergreifen. Der Tenor: „Es gibt immer ein paar wenige Idioten, die sich nicht angemessen verhalten.“ In einer Stellungnahme der Armee heißt es, die Soldaten hätten alles getan, um die Zahl der Todesopfer so gering wie möglich zu halten. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak sagte, Israel habe „die Armee mit der weltweit höchsten Moral“. Diese Aussage sei im Land beinahe so etwas wie ein „Mantra“, meint Ex-Offizier Chajut. „Es ist eine Idee, mit der wir aufwachsen, und es ist nicht leicht, mit diesem Konzept zu brechen.“ Die Armee werde „fast als etwas Heiliges gesehen“.

Dass israelische Soldaten irgendwann juristisch für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden könnten, glaubt Chajut nicht. Für die Arbeit seiner Organisation wäre es allerdings auch verheerend. „Dann würde es für uns noch schwieriger, Zeugenaussagen zu bekommen“, sagt Chajut. Eine andere Frage sei es, ob Generäle oder Politiker bestraft werden sollten, doch das falle nicht in das Aufgabengebiet seiner Organisation. Die jetzige Debatte wird nach der Einschätzung des Ex-Offiziers anhalten. „In der Gazaoperation wurden viele Grenzen überschritten“, sagt Chajut.

In den in dieser Woche bekannt gewordenen Zeugenaussagen berichteten israelische Soldaten über wahlloses Töten von Zivilisten, mutwillige Zerstörungen sowie herabwürdigende Behandlung von Palästinensern während des Gazafeldzuges. Über die Zeugenaussagen, die „Breaking the Silence“ zum Gazakrieg gesammelt hat, möchte Chajut noch nicht sprechen. Die folgen erst, wenn jeder Fall gründlich dokumentiert ist.

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