Gazastreifen : Ägypten lässt Grenze offen

Chaotischer Grenzverkehr: Ägypten hält sich nicht an internationale Absprachen und lässt rund 700.000 Palästinenser zum Einkaufen ins eigene Land kommen. Sie sollen sich mit "lebensnotwendigen Produkten" eindecken.

Gaza Grenze
Palästinenser transportieren Lebensmittel über die Grenze. -Foto: AFP

Rafah/Tel Aviv/New York Trotz internationaler Forderungen nach einer Abriegelung der Grenze zum Gazastreifen hat Ägypten am Samstag wieder Tausende von Palästinensern ungehindert ins Land gelassen. Nachdem die ägyptischen Sicherheitskräfte am Freitag mit dem Versuch gescheitert waren, die Grenze bei Rafah zu schließen, strömten Palästinenser am vierten Tag in Folge in das Nachbarland, um dort vor allem Lebensmittel, Kleidung und Zigaretten einzukaufen. „Die Palästinenser können weiter über die Grenze kommen, bis sie sich mit allen lebensnotwendigen Produkten eingedeckt haben“, sagte der Gouverneur von Nord-Sinai, Achmed Abdel Hamid, der staatlichen Nachrichtenagentur Mena. In Al-Arish blieben allerdings zahlreiche Geschäfte und Märkte auf Anweisung der ägyptischen Behörden geschlossen.

Mitglieder der radikalislamischen Hamas rissen am Freitagabend mit Bulldozern immer wieder Teile der Grenzmauern bei Rafah nieder. Die ägyptischen Sicherheitskräfte erhielten daraufhin am Samstag den Befehl, den Palästinensern „den Übergang zu erleichtern und sie dorthin zu bringen, wo sie das Gesuchte finden“, sagte Abdel Hamid. Die Region Nord-Sinai arbeite eng mit der Regierung zusammen, um ausreichend Güter für die Palästinenser zur Verfügung zu stellen, erklärte Abdel Hamid. Einigen Geschäften seien aber trotzdem bereits die Vorräte ausgegangen.

Erstmals fuhren am Samstag auch hunderte Autos aus dem von der radikalen Hamas kontrollierten Palästinensergebiet in das Nachbarland. Mit Straßensperren versuchten die ägyptischen Sicherheitskräfte zu verhindern, dass die Bewohner des Gazastreifens zu weit in ihr Land vordrangen. Bis zur Stadt Al-Arish, die rund 50 Kilometer hinter der Grenze liegt, ließen sie die Palästinenser jedoch passieren.

Auch in der Gegenrichtung waren Fahrzeuge unterwegs. Zahlreiche Ägypter nutzten die Gelegenheit, um zum ersten Mal seit Jahren den Gazastreifen zu besuchen. „Ich bin gekommen, um Geschäfte zu machen. Ich sehe Gaza zum ersten Mal in meinem Leben“, sagte der 25-jährige Rabi Suhrub. Bewaffnete Hamas-Mitglieder kontrollierten die Ägypter und Rückkehrer an der Grenze, um sicherzustellen, dass keine Waffen in den Gazastreifen gelangten.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas rief die Palästinenser erneut dazu auf, ihre Raketenangriffe auf Israel zu stoppen. „Zeigt der Welt nicht, dass sie (die Israelis) Opfer sind“, sagte er und forderte erneut die Aufhebung der israelischen Blockade des Gazastreifens.

An diesem Sonntag will Abbas mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert zusammenkommen, um die Krise im Gazastreifen zu erörtern.

Aus Angst vor weiteren Anschlägen verbot die israelische Armee Zivilisten den Zugang zum Grenzgebiet zu Ägypten. Alle Touristenattraktionen und Wanderwege in der Region seien geschlossen worden, teilte das Militär mit. Die Israelis seien angehalten, sich von dem Gebiet im Süden des Landes fernzuhalten, um nicht Opfer von palästinensischen Attentätern zu werden.

Wegen des wiederholten Raketenbeschusses hatte Israel am 17. Januar den Gazastreifen fast vollständig abgeriegelt und nur noch Medikamente und Treibstoff für ein Elektrizitätswerk passieren lassen. Unbekannte Palästinenser hatten daraufhin am vergangenen Mittwoch erste Löcher in den Grenzzaun gesprengt und den Weg in den Nachbarstaat für hunderttausende Palästinenser frei gemacht. Nach Angaben des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) pendelten seit Mittwoch mindestens 700 000 Palästinenser – rund die Hälfte aller Einwohner des Gazastreifen – nach Ägypten.

Der UN-Sicherheitsrat konnte sich erneut nicht auf eine Erklärung zur Lage im Gazastreifen einigen. Nachdem die USA eine Reihe von Änderungen durchgesetzt hatten, blockierte zuletzt Libyen den Entwurf. UN-Botschafter Giadalla Ettalhi sagte, er müsse den Text erst seiner Regierung in Tripolis vorlegen. Die USA hatten sich zuvor dagegen gesträubt, Israel zu einem Ende der Blockade des Gazastreifens aufzurufen, weil sich das Land damit nur selbst verteidige. In dem neuen Text wird Israel nur noch aufgefordert, die Konsequenzen seiner Blockade für die Zivilbevölkerung zu „begrenzen“. (Tsp/dpa/AFP)

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