Gazastreifen : Anfang oder Ziel

Nach drei Tagen Krieg deutet alles auf einen Einmarsch der israelischen Bodentruppen hin – doch Zweifel daran sind angebracht.

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Alle Zeichen stehen auf Sturm. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak verkündet vor der Knesset: „Diese Operation wird den Bedürfnissen entsprechend ausgeweitet und vertieft.“ Vizegeneralstabschef Brigadegeneral Dan Harel betont gegenüber den Oberhäuptern der unter Raketenbeschuss stehenden Ortschaften, „diese Operation steht erst am Anfang“ und „das Schlimmste steht noch bevor“. Die Panzereinheiten stehen angriffsbereit in den Aufmarschgebieten. Die mobilisierten Elite-Truppenverstärkungen sind an der Grenze zum Gazastreifen eingetroffen. Dessen gesamte Umgebung wurde zur militärischen Sperrzone erklärt und ist auch für Journalisten abgeriegelt. Die Luftwaffe fliegt seit Montag früh ununterbrochen Angriffe. Die Wetterlage verschlechert sich, womit Luftangriffe schwieriger werden.

Nach drei Tagen Krieg deutet also alles auf einen unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der israelischen Bodentruppen hin. Und doch sind Zweifel angebracht: Wie schon vor Beginn der Militäraktion könnten die Israelis erneut bluffen.

Barak entsprach den Bitten internationaler Hilfsorganisationen und bewilligte – trotz der Kampfhandlungen – die Lieferung mehrerer Lastwagenladungen an Lebensmitteln und Medikamenten in den Gazastreifen. Genauso wie er es am Vortag der Militäraktion getan hatte – mit dem Ergebnis, dass die Hamas fälschlicherweise annahm, dass die israelische Attacke noch einige Tage entfernt sei.

Doch anderseits wissen Israels Militärs und namentlich die Regierungspolitiker sehr genau, wie verlustreich eine Bodenoffensive sein könnte und wie schnell sie im eigenen Land unter Beschuss geraten können. Sie sind allesamt gebrannte Kinder des Libanonkrieges vor zweieinhalb Jahren. Damals konnte die Luftwaffe den Krieg gegen die Hisbollah nicht entscheiden, weshalb in den letzten Tagen des einmonatigen Waffenganges Bodentruppen eingesetzt wurden, die schwere Verluste erlitten – eine Taktik, die höchste Militärs und Spitzenpolitiker ihr Amt kostete.

Natürlich können sich Regierung und Armee noch auf eine breite Rückendeckung durch die Bevölkerung verlassen. Weit über 80 Prozent stehen hinter der Aktion. Selbst die Not leidende Bevölkerung der Zielregionen der Hamas-Raketen spricht sich für die Militäraktion aus und dies im Wissen, dass ein Ende des Raketenbeschusses so nicht herbeigeführt werden wird.

Auch die national-konservative Opposition stellt sich hinter die Regierung, wie Oppositionschef Benjamin Netanjahu in der Knesset verkündete. Insgeheim aber wartet er auf seine Chance: den entscheidend großen Fehler in der Kriegsführung, um sich im Hinblick auf die Knessetwahlen im Februar wieder als einzig starker Mann dem Wähler präsentieren zu können.

Doch genau diesen Gefallen will Barak seinem Erzfeind nicht tun – weshalb er den Einmarschbefehl bisher nicht erteilt hat und möglicherweise auch nicht erteilen will. Barak ist – wider Erwarten – bisher der eigentliche politische Nutznießer des Krieges, der Operation „gegossenes Blei“. Laut einer Blitzumfrage noch am Tag der ersten großen Luftangriffe konnte seine Arbeitspartei erheblich zulegen und stieg aus den Untiefen einstelliger Mandatsprognosen auf immerhin 16 Mandate auf, während der Vorsprung von Netanjahus Likud weiterhin schrumpft. Zwar haben die großen Parteien offiziell ihren Wahlkampf eingestellt, doch als der Vorschlag aufkam, die Wahlen zu verschieben, erklärten sie übereinstimmend, dass man zuerst die weitere Entwicklung abwarten solle.

Bei der Knessetdebatte über die Lage im Gazastreifen gerieten erwartungsgemäß die Vertreter der arabischen Parteien und der nationalen Rechten aneinander. Oppositionschef Netanjahu forderte die Entlassung von Kultur- und Sportminister Raleb Majadle. Der einzige arabische Minister hatte die sonntägliche Kabinettsitzung aus Protest gegen Israels Vorgehen im Gazastreifen boykottiert. Ministerpräsident Ehud Olmert beließ es bei einer milderen Bestrafung: Er strich ihm eine Reise nach Jordanien.

In den Wohngebieten der arabischen Minderheit in Israel – 20 Prozent der Bevölkerung – beruhigte sich die Lage ein wenig nach zum Teil heftigen Protestdemonstrationen und -streiks der letzten zwei Tage. An Universitäten kam es aber zu Handgemengen linksradikaler und arabischer Studenten, die gegen die Militäraktion demonstrierten, und solchen aus dem rechten nationalen Lager.

Für Israels Polizei gilt landesweit oberste Bereitschaftsstufe, allerdings nicht so sehr wegen möglicher Ausweitungen der Protestaktionen. Vielmehr häufen sich die Warnungen vor dem Versuch der Hamas und anderer Islamistengruppen im Westjordanland, in Israel einen Terroranschlag zu verüben als Akt der Solidarität mit der Führung und der Bevölkerung im Gazastreifen.

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