Gazastreifen : Das große Feilschen

Schuhe für Gaza: Erstmals seit einem Jahr hat Israel die Lieferung von Schuhen in den Gazastreifen erlaubt – die erste positive Folge der seit Donnerstag früh geltenden Waffenruhe. Nach dreitägiger Probezeit, die bisher zur allgemeinen Zufriedenheit verlief, sollen nun vermehrt Güter ausgetauscht werden. Und Geiseln.

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Schuhe für Gaza: Erstmals seit einem Jahr hat Israel die Lieferung von Schuhen in den Gazastreifen erlaubt – die erste positive Folge der seit Donnerstag früh geltenden Waffenruhe. Nach dreitägiger Probezeit, die bisher zur allgemeinen Zufriedenheit verlief, soll der Güterverkehr zwischen Israel und dem Gazastreifen jetzt systematisch ausgebaut werden. In der kommenden Woche dürften dann täglich Waren von über Hundert israelischen Lastwagen am vorläufig einzig geöffneten Güterumschlagplatz Sufa auf palästinensische Fahrzeuge umgeladen werden.

Während sich eine Beruhigung des Alltages sowohl im Gazastreifen und den umliegenden israelischen Ortschaften abzeichnet, stehen die israelischen Spitzenpolitiker vor schweren Entscheidungen. Nach jüngsten Meinungsumfragen befürwortet zwar die Mehrheit der israelischen Bevölkerung die Waffenruhe-Übereinkunft mit der islamistischen Hamas. Doch sie kritisiert, dass diese keinen Gefangenenaustausch beinhaltet, um endlich den vor exakt zwei Jahren entführten Soldaten Gilad Shalit freizubekommen.

Trotz wütender Attacken der nationalistischen Opposition sind die meisten Israelis bereit, für Shalit und die beiden von der Hisbollah in den Libanon verschleppten Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev sehr hohe Preise zu bezahlen. Diese Woche muss die Regierung sich nun entscheiden, ob sie sich der Mehrheit der Bürger anschließt.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es nun schnell zu einer Lösung kommt. Allerdings meldete der TV-Kanal 10 in seinem Wochenendmagazin, dass der Austausch mit der Hisbollah nicht wie geplant schon in der kommenden Woche stattfinden wird, sondern frühestens in der übernächsten. Der BND-Unterhändler Gerhard Konrad hat in langwierigen Verhandlungen den von der Hisbollah für Regev und Goldwasser geforderten Preis so tief drücken können, dass man nun auch israelischerseits davon ausgeht, dass die beiden Soldaten nicht lebendig, sondern nur ihre Leichname übergeben werden.

Israel lässt, entgegen ursprünglicher Hisbollah-Forderungen, keinen einzigen palästinensischen Sicherheitshäftling frei. Wohl aber den 1980 zu 542 Jahren Gefängnis verurteilten Terroristen Samir Kuntar, sowie anscheinend vier weitere Libanesen.

Verteidigungsminister Ehud Barak hat am Freitag die Angehörigen Regevs und Goldwassers getroffen – ein sicheres Zeichen dafür, dass der Austausch bevorsteht, wohl aber auch dafür, dass die beiden tot sind. Das Kabinett in Jerusalem könnte sich schon am Sonntag formell für eine Begnadigung der Symbolfigur Kuntar aussprechen. In dessen libanesischen Heimatdorf sind die Vorbereitungen für einen Heldenempfang des keinerlei Reue zeigenden Mörders eines Vater und dessen vierjähriger Tochter abgeschlossen.

Auch im Fall des im Gazastreifen festgehaltenen Gilad Shalit wird die israelische Regierung in der kommenden Woche endgültig über den Preis entscheiden müssen. Erstmals wird sie wohl „Terroristen mit Blut an den Händen“ freilassen müssen. Nach Meinung des prominenten Ethikprofessors Yechezkiel Dror hat Israel es sich selbst zuzuschreiben, dass Hisbollah und Hamas mittels Entführungen israelischer Soldaten eigene Leute in einem unverhältnismäßig scheinenden Relation freipressen. Denn man sei über die Jahre zunehmend bereit gewesen, nicht nur entführte Soldaten, sondern auch Leichen, Leichenteile und gar einen gekidnappten Drogenhändler für immer höhere Preise freizukaufen.

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