Gazastreifen : Kampflos im Untergrund

Die Hamas leistete in Gaza kaum Widerstand. Sie schätzte die Routen falsch ein, die Israels Armee benutzen würde. Und die heftigen Luftangriffe der ersten Tage durchkreuzten die Strategie der Hamas, vor allem unterirdisch gegen Israel zu kämpfen.

Martin Gehlen[Gaza-Stadt]
Gazastreifen Hamas Bomben
An der ägyptischen Grenze zum Gazastreifen: Bomben der israelischen Luftwaffe, die nicht explodierten. -Foto: AFP

Der Mann mit dem schwarzen Bart knackt nervös mit seinen Fingern. Immer wieder schaut er links und rechts hinter sich. Nach dem 30-minütigen Gespräch in einer dunklen Straßenecke verschwindet er so geschmeidig in der Nacht, wie er aufgetaucht ist. Seinen Namen nennt er nicht, aber er darf reden. Er hat die Genehmigung der Hamas-Führung in Gaza. Der Mann gehört zur mittleren Führungsebene. Was er sagt, passt nicht recht zusammen mit der vollmundigen Propaganda vom „göttlichen Sieg“ über Israel. Vielmehr spricht er davon, wie die israelische Armee die Pläne der Hamas- Kämpfer durchkreuzt hat.

Nach seinen Worten haben die Hamas- Brigaden während des Waffenstillstands im letzten Jahr im gesamten Gazastreifen ein Netz von 650 militärischen Tunneln, Sprengfallen, unterirdischen Raketenrampen und Bunkern aufgebaut. Sie wollten die Tunnel nutzen, um von einem Kampfplatz zum anderen zu gelangen. Doch die israelische Armee machte dieser Strategie einen Strich durch die Rechnung. Die Luftangriffe waren so heftig, dass bereits in den ersten Tagen 40 Prozent der Sprengfallen und 150 Militär tunnel zerstört wurden.

Auch nutzten die Panzer bei der Bodenoffensive andere Korridore, um nach Gaza vorzustoßen, als von den Hamas- Kommandeuren erwartet. Der Ort Beit Hanun nahe dem Erez-Übergang war am stärksten untertunnelt, doch in seinen Straßen ließ sich israelisches Militär kaum blicken. In dem relativ wohlhabenden Tel-al-Hawa-Bezirk im Süden von Gaza-Stadt, durch den die Panzer dann schließlich vorrückten, war die Zahl der Tunnel und Ausgänge sehr viel geringer.

Man habe Panzerabwehrraketen, die innerhalb einer Distanz von 1,5 Kilometern eingesetzt werden müssen, erläutert der Mann. „Doch selten kamen unsere Kämpfer so nahe an israelische Panzer heran.“ Nach seinen Angaben wurden 52 Mitglieder der Hamas-Brigaden getötet und 150 verletzt. „Viele werden in Privaträumen behandelt“, sagt er und deutet damit an, dass die Hamas offenbar eigene unterirdische Kliniken unterhält.

Nach seinen Angaben ist die Hamas- Führung dabei, den Verlauf des 22-tägigen Krieges zu analysieren. „Wir werden ganz sicher eine neue Taktik entwickeln“, kündigt er an. Ähnliches berichtet diese Woche auch das angesehene englische Magazin „Jane’s Defence Week ly“ unter Berufung auf einen Hamas- Kommandeur. Nach Informationen von „Jane’s“ hat die Exilführung in Damaskus unter Khaled Maschaal die Hamas-Spitze in Gaza zu dem Konflikt gedrängt, obwohl die militärischen Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen waren.

Nun bereitet man in Gaza offenbar die nächste Runde vor. Man habe bereits begonnen, neue Waffen zu produzieren, sagt der Hamas-Gesprächspartner. Auch könne man die Reichweite der Grad-Rakete, die bisher bis Beerschewa fliegt, erhöhen. Nach seinen Angaben funktionieren die Tunnel für Waffenschmuggel in Rafah nach wie vor ohne Einschränkung. 70 Prozent der Stollen seien grenznah und für den Transport von Versorgungs gütern, 30 Prozent jedoch seien wesentlich tiefer und länger. „Um diese Spezialtunnel zu finden, muss man halb Rafah zerstören“, erklärt er. Durch diese bis zu 30 Meter tiefen Röhren gelangten auch die ausländischen Waffentrainer in den Küstenstreifen. Oder Hamas-Kämpfer verließen Gaza, um im Iran, in Syrien, aber auch in Ägypten zu trainieren.

Sechs solche Waffenkurse hat der junge Mann mit dem Pseudonym Issa besucht, der seit acht Jahren zu den Kassam-Brigaden gehört. Der 22-Jährige, der im zivilen Leben im Hamas-Innenministerium arbeitet, hat den Krieg bei Datteln, Wasser und Dosennahrung in den Militärtunneln verbracht. „Unser Hauptziel war, einen israelischen Soldaten lebend zu fangen“, rechtfertigt er die Passivität seiner Mitkämpfer während des Krieges. Vor sich auf dem Tisch liegen ein Funkgerät, zwei Handys und seine Gebetskette. Man habe nur ein Bruchteil der Waffen eingesetzt, über die man verfüge, behauptet er. Seine Brigaden hätten inzwischen auch Luftabwehrgeschosse und Raketen, die Tel Aviv erreichen könnten. Der Frage, warum die Hamas nicht gekämpft und die Zivilbevölkerung ihrem Schicksal überlassen habe, weicht er aus. „Wir befolgen nur Befehle und vertrauen blind unserer Führung“, sagt er.

Der frühere Pentagon-Waffenexperte Marc Garlasco, der derzeit für Human Rights Watch die Vorgänge auf dem Schlachtfeld rekonstruiert, nennt den militärischen Widerstand der Hamas „minimal“. Fast alle Patronenhülsen in den Straßen stammten aus israelischen Arsenalen. „Hamas-Kämpfer in diesem Krieg – das waren Geister“, sagt er.

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