Gazastreifen : Tausende fliehen vor den Bombardements

Der Sonntag begann in Panik: Tausende sind inzwischen aus Nordgaza geflohen, um sich vor den Bombardements in Sicherheit zu bringen.

Das israelische Militär hat die Bewohner im Norden des Gazastreifen aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.
Das israelische Militär hat die Bewohner im Norden des Gazastreifen aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.Foto: dpa

Nach einer Schreckensnacht mit zahlreichen Bombardements und Warnungen der israelischen Armee vor einer Offensive waren am Sonntag tausende Bewohner des nördlichen Gazastreifens auf der Flucht. In der Kleinstadt Beit Lahija leerten sich ganze Straßenzüge, als die Menschen bepackt mit dem, was sie tragen konnten, zu Fuß, mit Autos, auf Esels-und Pferdekarren ihr Heil weiter im Süden suchten. Am Samstag war in der gleichen Ortschaft eine israelische Rakete in einem Behindertenheim explodiert. "Letzte Nacht gab es um uns herum so viele Einschläge, dass niemand schlief. Es war grauenhaft", berichtet ein Mann namens Farid. Er wolle zusammen mit den anderen sechs Familienmitgliedern "in einer Schule oder an einem anderen sicheren Ort" Zuflucht suchen. Sein Motorrad hat er hoch mit Decken bepackt.

"Wir konnten nichts mitnehmen, die Kinder waren barfuß"

Mohammed Sultan hat seine fünf Kinder und die wichtigste Habe hastig auf einen Pferdekarren gepackt. Mit den Erwachsenen der Familie läuft er nebenher zu einer Schule der UNRWA, des Hilfswerks der UNO für Palästina-Flüchtlinge. Er habe kein Flugblatt der israelischen Armee gesehen, das zur Evakuierung aufforderte. "Wir wurden nicht gewarnt. Aber letzte Nacht wurde um uns herum soviel gefeuert, dass wir um das Leben unserer Kinder fürchten. Das ist richtiger Krieg", sagt er. Die Armee hatte am Sonntagvormittag die Bewohner mehrerer Viertel der 40.000 Einwohner zählenden Stadt am Nordrand des Gazastreifens aufgefordert, "umgehend" die Flucht Richtung Süden zu ergreifen. Israel kündigte massive Angriffe auf Aktivisten und Abschussrampen der islamistischen Hamas an. Samari al-Atar aus dem besonders getroffenen Stadtviertel Atatra ist schon in der Nacht mit ihren Kindern in eine UNRWA-Schule in Gaza-Stadt geflohen. "Wir hatten im Haus einen Raum besonders geschützt, aber als wir draußen die Menschen schreien hörten und sahen, dass viele auf der Flucht waren, haben wir uns schnell angeschlossen", berichtet sie. "Es war mitten in der Nacht, die Kinder waren alle in heller Panik", sagt sie und bricht in Tränen aus, bevor sie weiter erzählen kann: "Sogar während der Flucht knallte es weiter um uns herum. Wir konnten nichts mitnehmen, die Kinder waren barfuß." Diese malen derweil mit bunter Kreide auf eine Schultafel feuernde israelische Hubschrauber und Panzer sowie palästinensische Raketen.
UNRWA-Sprecher Chris Gunness bestätigt, dass der Strom von Schutzsuchenden stark anschwillt: "Noch in der Nacht haben wir für Binnenflüchtlinge sieben neue Einrichtungen geöffnet." Bis mittags trafen dort bereits rund zweitausend Flüchtlinge ein, weitere waren auf dem Weg.

Wut im Krankenhaus, das Verbindung zum Widerstand zurückweist

Farida Sajed packt am Vormittag noch in Beit Lahija ihre Sachen, unschlüssig wo sie hingehen soll. "Die Leute sagen, sie gehen in die Schulen, aber Israel hat doch schon Schulen bombardiert und auch schon Krankenhäuser", sagt sie und verweist auf das Behindertenheim der Stadt. Am frühen Samstagmorgen war die Einrichtung mit 13 schwerstbehinderten Frauen von einer israelischen Rakete getroffen worden. Die 30-jährige Ola Waschahi und die 47 Jahre alte Suha Abu Saada waren auf der Stelle tot. Zwei jüngere Frauen liegen mit Verbrennungen im Schifa-Krankenhaus von Gaza-Stadt.
Dschamila Alaywa, die die Einrichtung 1994 gegründet hat, ist außer sich vor Wut: "Ola und Suha waren seit 20 Jahren in meiner Obhut", berichtet sie. "Es gab keine Warnung. Die haben einfach eine Rakete auf uns gefeuert. Niemand im Heim oder um uns herum hat etwas mit dem Widerstandskampf zu tun", beteuert sie. Aber schon denkt sie wieder nach vorne: "Ich will die Einrichtung wieder aufbauen, um diesen Menschen wieder zu helfen - sie sind meine Kinder. Ich hoffe, die Welt wird mir dabei helfen." (AFP)

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