Politik : Gbagbos letzte Schlacht

Der abgewählte Präsident verhandelt über eine Kapitulation – und sein Militärchef ruft zum Waffenstillstand auf

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Straßenkampf. Ein
Straßenkampf. EinFoto: REUTERS

Im Krieg an der Elfenbeinküste steht der gewählte Präsident Alassane Ouattara kurz vor dem Sieg. Das Ende der Kämpfe sei in greifbare Nähe gerückt, die Krise könne in wenigen Stunden beigelegt werden, sagte der französische Verteidigungsminister Gérard Longuet am Dienstag. Der in der Wirtschaftsmetropole Abidjan eingekesselte Amtsinhaber Laurent Gbagbo verhandelte über die Kapitulation und seine Ausreise aus dem westafrikanischen Land. Sein Militärchef Philippe Mangou rief nach Tagen schwerer Kämpfe zum Waffenstillstand auf. „Der Krieg ist vorbei“, sagte Alcide Djedje, der in die französische Botschaft geflüchtete Außenminister Gbagbos, der BBC. Mehrere tausend Soldaten des international als Sieger der Präsidentenwahl anerkannten Ouattara hatten am Montag zur Entscheidungsschlacht um Abidjan angesetzt. In die Kämpfe griffen auch französische und UN-Truppen ein, die schwere Waffen Gbagbos zerstörten.

Ein Sprecher Gbagbos sagte der Agentur Reuters, sein Chef verhandle über seine Ausreise. Nach Angaben der Vereinten Nationen hat Gbagbo seine prinzipielle Bereitschaft bekundet, sein Amt für Ouattara zu räumen, sagte ein UN-Vertreter. Gbagbo habe zudem um Schutz der UN nachgesucht. Frankreichs Außenminister Alain Juppé sagte Reuters TV, Frankreich stehe bereit, wenn sich Möglichkeiten ergeben sollten, dass der amtierende Präsident außer Landes gehen könne. Laut Afrikanischer Union ist Mauretanien als Aufnahmeland im Gespräch.

Unterdessen leidet die Zivilbevölkerung in Abidjan zunehmend unter den Kämpfen. „Das Unvorstellbare breitet sich vor unseren Augen aus“, heißt es in einem Bulletin der nichtstaatlichen Organisation „International Crisis Group“ über die Lage in der einst so lebensfrohen ivorischen Metropole. Vielerorts sind die Zivilisten zwischen die Fronten geraten und den blutigen Kämpfen schutzlos ausgesetzt. „Die Menschen bitten uns telefonisch um Hilfe, aber wir können die Verletzten nicht abholen, weil es unmöglich ist, sich in der Stadt noch zu bewegen“, klagt Salha Issoufou, Landeskoordinator der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Abidjan. Im Norden der Stadt sei nur noch ein einziges Krankenhaus in Betrieb, und fast nirgendwo können noch Krankenwagen eingesetzt werden. Dabei war die imposante und nun von dickem Rauch verhüllte Skyline Abidjans noch vor knapp 15 Jahren das Symbol einer modernen afrikanischen Großstadt – und eines aufstrebenden stabilen Staates. Mit seinen eleganten Cafés, palmengesäumten Küstenstraßen und Luxushotels galt Abidjan als das „Paris Afrikas“ – und die Elfenbeinküste als Perle der Region.

Der Kontrast zur heutigen Lage könnte größer nicht sein: Die Wirtschaft ist kollabiert, die Stadt brennt, und rund ein Fünftel seiner etwa vier Millionen Menschen sind zuletzt vor den erbitterten Kämpfen geflohen. Gbagbo war im vergangenen November abgewählt worden, doch weigerte er sich bis Dienstag beharrlich, die Macht über sein Land abzutreten. Nun schlägt er seine letzte Schacht – und scheint langsam zu erkennen, wie aussichtlos seine Lage geworden ist.

Wie tief das Land in den letzten zehn Jahren unter Gbagbo gefallen ist, zeigt die jüngste Entwicklung: Kampfhubschrauber der UN-Mission in der Elfenbeinküste hatten am späten Montag Gbagbos Präsidentenpalast und seine Residenz unter Beschuss genommen. Es war der erste Militäreinsatz der bunt zusammengewürfelten UN-Truppe, die ihr Mandat nun offenbar robuster als bislang auslegt. Zuvor war UN-Generalsekretär Ban Ki Moon offenbar der Geduldsfaden gerissen. Erstmals hatte er am Montag ausdrücklich Angriffe seiner Blauhelme auf Soldaten Gbagbos befohlen. Durch den Einsatz von UN-Kampfhubschraubern sollten jene schweren Waffen vernichtet werden, die Gbagbos Truppen zuletzt gegen Zivilisten aber immer öfter auch gegen die UN eingesetzt haben, hieß es. Zeitgleich griffen am späten Montag auch französische Truppen erstmals an der Seite der UN in die immer heftigeren Kämpfe ein. Ihre Kampfhubschrauber beschossen dabei zwei Kasernen im Stadtgebiet, in denen sich Elitetruppen Gbagbos befanden. Das Eingreifen sei auf ausdrückliche Bitte der UN und nicht eigenmächtig erfolgt, verlautete aus Kreisen des französischen Generalstabs.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy telefonierte im Laufe des Tages mehrmals mit Ouattara. Das Eingreifen der früheren Kolonialmacht Frankreich in die Kämpfe mit Ouattara hatte das Lager Gbagbos verärgert. mit rtr/dpa

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