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Geberkonferenz für Syrien : Milliarden sammeln gegen Not und Verzweiflung

In London soll ab Donnerstag Geld für das zerstörte Syrien und die Nachbarstaaten gesammelt werden. Deutschland wird wohl 500 Millionen Euro mehr geben. Doch es mangelt nicht nur an finanzieller Unterstützung.

von und Pascale Müller
Zerstörter Alltag. Wie hier in dem Ort Douma nahe Damaskus fliegt die syrische Luftwaffe landesweit immer wieder Angriffe gegen Rebellenstellungen.
Zerstörter Alltag. Wie hier in dem Ort Douma nahe Damaskus fliegt die syrische Luftwaffe landesweit immer wieder Angriffe gegen...Foto: Mohammed Badra/dpa

Der Alltag der Menschen in Syrien lässt sich in fünf Worten zusammenfassen: Not, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst und Tod. Seit 2011 tobt dort ein unerbittlicher Krieg, der als Aufstand gegen Baschar al Assad begann und sich längst zu einem verheerenden Konflikt mit vielen Parteien entwickelt hat. Und die militärische Intervention von Russland aufseiten des Regimes hat die Lage nochmals verschärft. Schätzungen zufolge sind bisher mindestens 250.000 Menschen ums Leben gekommen, mehr als eine Million zum Teil verletzt und verstümmelt.

Nach Angaben der UN haben 4,5 Millionen Frauen, Männer und Kinder ihre Heimat Richtung Jordanien, Libanon und Türkei verlassen, bis zu sieben Millionen irren schutzlos im Land selbst umher. Gut 13 Millionen Syrer sind dringend auf Hilfe angewiesen. Um ihre Not ansatzweise zu lindern, soll am Donnerstag in London bei einer Geberkonferenz möglichst viel Geld gesammelt werden. Syrien, so heißt es, sei die schwerwiegendste humanitäre Krise der Welt.

Geld sammeln

In der britischen Hauptstadt kommen Vertreter von 70 Staaten zusammen. Eingeladen haben die Vereinten Nationen, Kuwait, Norwegen, Großbritannien und Deutschland. Sowohl Premier David Cameron als auch Kanzlerin Angela Merkel werden an der Konferenz teilnehmen. Das Ziel des Treffens ist klar. Die Weltgemeinschaft soll eine Menge Geld zur Verfügung stellen. Für Nahrungsmittel, Medikamente, sanitäre Anlagen, aber auch Bildungsprogramme. „Die syrische Zivilbevölkerung, die Flüchtlinge in der Region wie auch Staat und Gesellschaft der Aufnahmeländer in der Region brauchen eine starke und nachhaltige internationale Unterstützung“, sagt Katharina Lumpp, die Vertreterin des UN-Flüchtlingshilfswerks in Deutschland. Laut den Vereinten Nationen werden 2016 dafür fast neun Milliarden Dollar benötigt.

Unklar ist aber, ob so viel Geld zusammenkommt – und dann auch tatsächlich den Hilfsorganisationen bereitgestellt wird. Bei den vergangenen drei Geberkonferenzen war – gerade von arabischen Staaten – eine Menge versprochen, aber wenig gehalten worden. Doch inzwischen hat der Syrienkrieg Europa erreicht. Millionen Flüchtlinge stellen Länder wie die Bundesrepublik vor enorme Probleme. Allen Beteiligten ist klar, dass der Andrang nur eingedämmt werden kann, wenn sich in und um Syrien die Lage deutlich verbessert.

Die Bundesregierung will einem Zeitungsbericht zufolge ihre Unterstützung für die UNHCR-Flüchtlingshilfe deutlich aufstocken. Die Summe für das laufende Jahr soll um 500 Millionen Euro auf 1,5 Milliarden Euro angehoben werden, wie die „Rheinische Post“ unter Berufung auf Regierungskreise meldet. Merkel werde die Mittelaufstockung auf der Londoner Konferenz bekanntgeben. Deutschland gehört neben den USA, Großbritannien, Japan und der EU zu den fünf größten Gebern des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Zusammen finanzieren diese Länder laut „Rheinischer Post“ mehr als 60 Prozent der Hilfsprogramme.
Die Mittel werden dringend benötigt. „Es geht um die Stabilisierung der Lebensverhältnisse und darum, den Menschen ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft wieder zu geben“, betont Katharina Lumpp. Und Außenminister Frank-Walter Steinmeier warnt: „Es darf nicht noch einmal passieren, dass wie im vergangenen Jahr in den Flüchtlingslagern Lebensmittelrationen halbiert werden müssen und Menschen hungern, weil den Helfern das Geld ausgeht“. Doch fehlende finanzielle Unterstützung ist nicht das einzige Problem.

Die Not der Helfer

Wer in Syrien das Elend bekämpfen will, muss viele Hürden überwinden. Hilfsorganisationen brauchen Sicherheitsgarantien, eine kurzzeitige Waffenruhe muss vereinbart werden. Auf dem Weg zu den Bedürftigen warten unzählige Kontrollposten und vom Krieg zerstörte kaum befahrbare Straßen. Pavel Krzysiek, Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes in Damaskus sagt: „Wir sind hier nicht im Süd-Sudan, wo man einfach mit einem Lastwagen Güter abliefert, oder sein Flugzeug belädt und Essen abwirft. Man muss komplizierte administrative Abläufe befolgen und Genehmigungen von verschiedenen Parteien einholen. Man muss alle informieren, um sicherzugehen, dass es kein Gefecht gibt.“

Vor allem an der syrischen Regierung scheitern viele Versuche zu helfen. Nach Angaben der UN wurden 2015 nur zehn Prozent der von ihnen beantragten Hilfsmissionen vom Assad-Regime bewilligt. Das liegt auch am zögerlichen Vorgehen des UN-Büro in Damaskus, sagen Kritiker. Mehr als 100 Oppositionelle und Repräsentanten belagerter Städte haben vor Kurzem in einem offenen Brief die Vereinten Nationen als „Symbol der Komplizenschaft“ bezeichnet. Deren Vertreter ständen entweder der Regierung zu nahe oder hätten Angst um ihre Visa.

Die Untätigkeit der UN habe nichts mit Sicherheitsfragen zu tun. Aufgrund ihres Mandates habe sie das Recht die Grenzen der Konfliktparteien zu überschreiten, um Hilfe auszuliefern. Indem man aber die syrische Regierung um Erlaubnis frage, gebe man dem Belagerer ein Vetorecht über die Lieferung von Hilfsgütern, so James Sadri, Sprecher der Organisation "The Syria Campaign". Linda Tom, Sprecherin des Syrienprogrammes des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten sagt dagegen: „Wir sind keine Armee. Wir können nicht ohne Zustimmung der Konfliktparteien arbeiten.“ Das hat erhebliche Folgen. Mehr als 4,5 Millionen Menschen leben in Gebieten, die für Hilfsorganisationen kaum erreichbar sind. Für jene 400.000, die in belagerten Gebieten leben, sieht es noch düsterer aus.

Auf der Flucht: Die Kinder leiden am meisten unter dem Krieg. Viele können nicht mehr zur Schule gehen.
Auf der Flucht: Die Kinder leiden am meisten unter dem Krieg. Viele können nicht mehr zur Schule gehen.Foto: Muhammad Hamed/Reuters

Hunger, der auch tötet

Menschen, die ihre Haustiere schlachten, Gras essen oder nicht mehr haben als eine Wassersuppe pro Tag – der Hunger gehört in weiten Teilen Syriens zum schrecklichen Alltag. Und Menschen sterben, weil es nicht genug zu essen gibt. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms hat sich die Situation im vergangenen Jahr nochmals dramatisch verschärft. Zum einen, weil es eine Dürre gab, die die Ernte teilweise vernichtete. Zum anderen, weil die Intensität der Kämpfe deutlich zugenommen hat.

„Wir erreichen zwar vier Millionen Bedürftige, um sie mit Lebensmitteln zu versorgen, sagt Ralf Südhoff, Deutschland-Chef des Welternährungsprogramms. Allerdings erhielten diese Menschen nur eine reduzierte Hilfe. Das heißt, der notwendige Kalorienbedarf kann lediglich zu 70 Prozent gedeckt werden – auch, weil das Geld fehlt. Dass allein ist schon schlimm genug. Aber seit Langem nutzen alle Konfliktparteien das Aushungern gezielt als Waffe, um den Gegner zu bezwingen. „Die Folgen für die Zivilbevölkerung sind katastrophal“, sagt Südhoff.

Syrer für Syrer

Selbst nach fünf Jahren Krieg gibt es im Land noch einige wenige Aktivisten, die Menschen an Ort und Stelle unterstützen. Zum Beispiel die Gruppe „Der 15. Garten“. Sie bringt Samen in einige der belagerten Städte und zeigt den Einwohnern, wie sie Gemüse und Weizen auch in zerbombten Straßen oder auf Geröllfeldern anbauen können. Das Saatgut wird von europäischen Landwirten gespendet. Allein im belagerten Yarmouk pflanzten die Aktivisten 200 Kilogramm Zucchini und Auberginen an, nachdem die Hilfslieferungen der UN nicht mehr durchkamen. Da viele Felder zerstört wurden, haben die Menschen zudem Beete auf Dächern und in ihren Häusern angelegt.

Doch es ist schwierig, diese zu pflegen. Auch weil oft Treibstoff fehlt. Zum Beispiel in Darayah, einem Ort südlich von Damaskus. „Wir haben damit begonnen, Plastiktanks zu schmelzen, um daraus eine Art Benzin zu gewinnen“, sagt Ibrahim Kolany, Vertreter des dortigen Verwaltungsrates. „Damit betreiben wir Generatoren, laden Batterien auf und treiben Mühlen an, um Wasser aus dem Brunnen zu holen."

Aber mittlerweile sind auch die syrischen Helfer am Ende ihrer Kräfte. Wie Muntaha Abdul Rahman. Sie arbeitet für die Organisation „Damma“ im belagerten Madaja, eine von Frauen geführte Koalition, die sich gegen Gewalt und für Bildung einsetzt. Sie ist mitverantwortlich für die Häuser, in denen Hilfsgüter gelagert werden. Doch die Helferin kann nicht mehr viel ausrichten, denn ihr selbst geht es immer schlechter. Doch ihr auch selbst geht es immer schlechter. „Mit den Lebensmitteln, die die UN vor Kurzem verteilt haben, werden wir höchsten noch zehn Tage auskommen.“

Ohne Ärzte und Kliniken

Es ist nicht der Hunger allein, der tötet. Auch die medizinische Versorgung ist in weiten Teilen des Landes zusammengebrochen. Laut der syrischen Hilfsorganisation Union of Rescue and Medical Care sind mehr als die Hälfte aller Krankenhäuser zerstört. Fast 700 Ärzte sind seit Beginn des Konflikts ums Leben gekommen. Viele andere haben aus Angst vor Bombenangriffen ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Außerdem fehlt es überall an lebenswichtigen Dingen wie Antibiotika, Operationsbesteck oder Desinfektionsmittel. Besonders gefährdet sind alte Menschen, Kinder, chronisch Kranke sowie Schwangere. Hinzu kommt, dass sich Infektionskrankheiten wie Polio und Masern ausbreiten.

Eine verlorene Generation

Die Experten sind sich einig: Kinder leiden wohl am meisten unter den Folgen des Krieges. „Viele Mädchen und Jungen sind gerade in belagerten Gebieten einem erheblichen Risiko von Bombenangriffen ausgesetzt, es mangelt an der lebensnotwendige Grundversorgung mit Nahrung, Wasser oder medizinischer Hilfe“, heißt es bei Save the Children. Eines der größten Probleme ist die mangelnde Bildung. Fast die Hälfte der syrischen Kinder besucht keine Schule mehr – sei es aus Angst vor Beschuss, weil sie einen Beitrag für den Lebensunterhalt der Familie leisten müssen oder weil es keine Lehrer mehr gibt. Auch in Aufnahmeländern wie Jordanien und dem Libanon sieht es kaum besser aus. Diese Staaten sind mit der großen Zahl der Flüchtlinge schlicht überfordert. (mit epd)

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