Politik : Geburt lohnt sich nicht mehr

Drastische Erhöhungen der Haftpflichtversicherung gefährden den Beruf der Hebamme

Julia Rothenburg

Berlin - In Zukunft könnten könnten viele Kinder ohne die Hilfe von Hebammen zur Welt kommen. Denn eine drastische Erhöhung der Haftpflichtversicherung für Hebammen zum 1. Juli führt dazu, dass sich die Arbeit nicht mehr lohnt. Die Versicherung hatte sich bereits in den vergangenen 20 Jahren drastisch erhöht. So betrug sie 1992 noch umgerechnet 179 Euro pro Jahr – 2009 waren es fast zwanzig Mal so viel. Im Juli soll sie auf 3689 Euro jährlich steigen.

Schuld ist vor allem eine seit 2000 bestehende Regelung, die es den Krankenkassen ermöglicht, den Hebammen grobe Fehler bei der Ausübung ihres Berufes mit langfristigen Folgen anzulasten. Wenn etwa bei der Geburt die Sauerstoffversorgung des Neugeborenen abgeklemmt wird und dies zu einer lebenslangen Behinderung führt, wird die Hebamme und damit ihre Haftpflichtversicherung zur Kasse gebeten – und zwar für die Gesamtkosten, also die lebenslange Versorgung des behinderten Kindes. Daher fordern die Haftpflichtversicherungen einen immer höheren Beitrag. Zudem bieten derzeit nur noch zwei Haftpflichtversicherungen Tarife für Hebammen an. Auch die fehlende Konkurrenz drücke die Beiträge nach oben.

Doch die kann sich kaum eine freiberufliche Hebamme mehr leisten. Bei einer Geburt im Krankenhaus bekommt eine freie Hebamme pro Geburt, die oft Stunden dauert, nur 237 Euro. Im Geburtshaus gibt es 445 Euro, Hausgeburten können mit 537 Euro abgerechnet werden. Der Deutsche Hebammenverband rechnet daher damit, dass sich noch mehr Hebammen auf Vor- und Nachsorge beschränken werden. „Das wird zu einer Veränderung in der Krankenhauslandschaft führen“, sagt Edith Wolber, Pressereferentin des Verbandes. Eine flächendeckende Versorgung mit Hebammen für die schwangeren Frauen sieht sie nicht mehr gewährleistet. „Die Politik ist aber in der Verpflichtung für die Gesundheitsversorgung Sorge zu tragen“, mahnt sie. Das ginge nach Ansicht der Hebammen über einen steuerfinanzierten Fond, der die Belastungen durch die Haftpflichtversicherung für die Hebammen dämpft.

„Das halte ich für ausgesprochen schwierig“, sagt Carola Reimann, Gesundheits-Sprecherin der SPD, dazu. „Ich glaube es muss mehr darüber geredet werden, wie Hebammen vergütet werden. Da müssen die Tarife angepasst werden, das ist der Punkt.“ Die Bundesregierung kümmert sich ihrer Meinung nach zu wenig um das Thema. „Die scheinen das alle gar nicht wahrzunehmen“, kritisiert Reimann. Birgitt Bender, Sprecherin für Gesundheit der Grünen im Bundestag, fordert, in einer Studie zunächst Daten über die Situation der Hebammen zu sammeln.

Die Hebammen selbst haben in der vergangenen Woche in mehreren Städten für den Erhalt ihres Berufsstandes demonstriert. Ob sie die nötige Aufmerksamkeit bekommen, hängt auch von der Online- Petition ab, die der Deutsche Hebammenverband am 5. Mai gestartet hat. Von den benötigten 50 000 Unterschriften fehlt bisher noch die Hälfte. Sie zu bekommen dürfte nicht schwer sein, wenn alle schwangeren Frauen unterzeichnen würden. Sicherlich will keine später ohne Hebamme dastehen.

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