Politik : Gedämpfter Klartext im Freischütz

Schröder deutet den Genossen gründliche Veränderungen an und mahnt: Wegen der Reformen braucht die SPD kein schlechtes Gewissen zu haben

Markus Feldenkirchen[Schwerte]

Draußen vor dem Waldrestaurant „Freischütz“ wird Gerhard Schröder von 50 letzten Hemden begrüßt, die seine politischen Gegner auf eine Wäscheleine geklemmt haben. Drinnen sitzt Lore Struck an einem der 50 Meter langen Biertische und beißt nochmal in ihr Kochschinkenbrötchen. Sie ist mit ihrem kompletten Ortsverein angereist. „Es ist wichtig, dass wir dem Gerd jetzt den Rücken stärken – gerade jetzt“, sagt die 67-jährige Genossin. „Wenn wir ihn jetzt im Stich lassen, hat er bald keine Lust mehr.“ Dann springen die Genossen auf, Schröder zieht im Klatschmarsch vorbei, hinauf auf die Bühne. So donnernd ist er schon lange nicht mehr empfangen worden. „Ein Bier her“, sagt der Kanzler, strahlt über das ganze Gesicht und wirft das Sakko in die Ecke. „Wir sind die Partei der Solidarität, und der Gerd bekommt unsere Solidarität“, sagt Lore Struck und nimmt einen tiefen Schluck Pils.

Es ist nicht ganz leicht, eine Rede zu halten, wenn man noch nichts Richtiges sagen darf. Denn Schröder will ja erst am 14. März seine große Reformrede halten, nach der alles anders werden soll in der Republik. Der Kanzler löst das Problem zunächst dadurch, dass er sich ausführlich seinem Gewinnerthema widmet. Er sagt zwar nichts Neues zur Irakfrage, aber dafür sagt er es umso leidenschaftlicher. „Ich bin weiter für eine Politik, die auf Kooperation, nicht auf Konfrontation setzt“, ruft Schröder und erntet donnernden Applaus. „Wer für eine gute und richtige Sache kämpft, der kann verlieren, aber wer gar nicht erst kämpft, der hat schon verloren“, fährt er mit dröhnender Stimme fort. Jetzt, da die Kooperation des Irak sichtbar werde, gebe es erst recht keinen Grund, den Inspektionsprozess abzubrechen.

Als Schröder zur Innenpolitik wandert, wird die Problematik des Redetermins offenkundig. Er nimmt zwar die Gewerkschaften vor „diesem unseriösen Herrn Westerwelle“ in Schutz, der deren Funktionäre als Plage bezeichnet hatte. Gleichzeitig weist Schröder aber schon mal darauf hin, dass es beim kommenden Reformprozess „ernste Auseinandersetzungen“ mit den Gewerkschaften geben werde. Pauschal kündigt er „Veränderungen“ an, damit der Sozialstaat in der Substanz erhalten werden könne. „Dies kann aber nur gelingen, wenn wir uns der Veränderungsaufgabe stellen“, sagt Schröder und mahnt seine Partei: „Wir brauchen dabei kein schlechtes Gewissen zu haben, weil es richtig ist, was wir tun.“

Die Genossen aus dem Traditionsbezirk Westliches Westfalen danken dem Kanzler den engagierten Auftritt mit Zugabe-Rufen. Der Bezirksvorsitzende Norbert Römer hatte zu Beginn „die große sozialdemokratische Familie“ begrüßt. Draußen aber wartete wieder die Wirklichkeit: die Letzte-Hemden-Händler. „Jetzt muss er das nur noch alles umsetzen“, meint Genossin Struck. Sie habe aber vom Kanzler gelernt, dass sie wieder selbstbewusster sein müsse. „Wenigstens habe ich jetzt wieder Mut, weiter für die SPD zu kämpfen.“

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