Gedenken an Befreiung Buchenwalds : Häftlinge von einst erinnern sich

Tränen, rote Nelken und Häftlingskleidung: In einer ergreifenden Zeremonie erinnern KZ-Überlebende an die Befreiung des Lagers Buchenwald vor 70 Jahren. Doch die Gegenwart macht ihnen Sorgen.

Der ehemalige ukrainische Häftling im KZ-Buchenwald, Petro Mischtschuk. Er gehörte zu den 21.000 Häftlingen, die am 11. April 1945 befreit wurden.
Der ehemalige ukrainische Häftling im KZ-Buchenwald, Petro Mischtschuk. Er gehörte zu den 21.000 Häftlingen, die am 11. April 1945...Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Siebzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar haben ehemalige Häftlinge zum Widerstand gegen eine neue Welle von Rassismus in Europa aufgerufen. „Es reicht nicht mehr aus, nur wachsam zu sein“, sagte der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, Bertrand Herz, am Sonntag bei der zentralen Gedenkfeier der Häftlingsvereinigung auf dem Appellplatz des einstigen KZ. Dort gedachten am Nachmittag laut KZ-Gedenkstätte mehr als 2500 Menschen der Befreiung des Lagers am 11. April 1945.„Europa darf es nicht zulassen, dass sich in seinem Herzen Hass entwickelt“, sagte der 84-jährige Herz mit Blick auf das Erstarken rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien und religiösen Fundamentalismus in mehreren Ländern.

Rund 80 Überlebende kamen aus aller Welt

Bei einer Gedenkveranstaltung im Deutschen Nationaltheater in Weimar verurteilte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz Antisemitismus, Rassismus, Ultranationalismus und Intoleranz. Das seien „Dämonen, die wir in Europa für überwunden hielten und die doch immer wieder ihre hässliche Fratze erheben“, sagte der SPD-Politiker. „Wir dürfen die
Agitatoren und Brandstifter nicht im Glauben lassen, eine schweigende Mehrheit stehe hinter ihnen.“

Zu den Feierlichkeiten waren rund 80 Buchenwald-Überlebende aus aller Welt und drei an der Lagerbefreiung beteiligte US-Veteranen nach Weimar gekommen. Einige der hochbetagten Gäste trugen bei der ergreifenden Zeremonie alte Häftlingsuniformen. Manche wagten zum erstem Mal überhaupt den Weg zurück an den Ort ihres unfassbaren Leidens. Insgesamt etwa 250 000 Männer, Frauen und Kinder hatte das NS-Regime bis zum 11. April 1945 auf dem Ettersberg bei Weimar und seinen 136 Außenlagern gefangen gehalten. Rund 56 000 von ihnen starben an Hunger, Kälte und Krankheiten oder wurden ermordet.

Eklat am Rande

Am Rande der Kranzniederlegung in der KZ-Gedenkstätte kam es beinahe zu einem Eklat, als linksgerichtete Teilnehmer den ehemaligen Häftling Marko Max Feingold zum Beenden seiner Rede aufforderten. Der 101 Jahre alte Österreicher hatte geschildert, dass er den 11. April 1945 nicht als Häftlingsselbstbefreiung erlebt habe. In der DDR
hatten der illegale Lagerwiderstand und die von ihm organisierte Selbstbefreiung das Geschichtsbild von Buchenwald bestimmt. „Jede Erinnerung hat ihr Recht“, sagte dazu der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge.

Am Vormittag des 11. April 1945 hatten US-Soldaten den Ettersberg bei Weimar erreicht und sich Gefechte mit SS-Wachmannschaften geliefert, die dann flohen. Gegen 15.00 Uhr übernahmen bewaffnete Widerstandsgruppen aus den Reihen politischer Häftlinge die Kontrolle über das Lager und gingen ihren Befreiern entgegen. Im Lager waren noch etwa 21 000 Menschen, darunter 904 Kinder und Jugendliche.

Am Montag folgt das Gedenken in Nordhausen

Am Samstag hatten die Überlebenden des KZ um 15.15 Uhr - dem Zeitpunkt der Befreiung vor 70 Jahren - ihrer toten Kameraden gedacht. Auf dem ehemaligen Appellplatz hinter dem Tor mit der zynischen Aufschrift „Jedem das Seine“ legten die Überlebenden weiße Rosen und rote Nelken nieder.

Das Buchenwald-Gedenken war Auftakt einer Reihe von Gedenkveranstaltungen zu KZ-Befreiungen in Deutschland. Im April 1945 wurden unter anderem auch die Lager Bergen-Belsen, Ravensbrück und Dachau von Alliierten befreit. Am Montag wird in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen an die Befreiung des Lagers erinnert.
Dort mussten rund 60 000 Häftlinge in unterirdischen Stollen die Raketen V1 und V2 bauen, nur jeder dritte überlebte. dpa

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