Politik : Gedenken an KZ-Befreiung vor 60 Jahren

Bundeskanzler Gerhard Schröder sieht im Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus eine bleibende moralische Verpflichtung Deutschlands. Dies sagte er am Sonntag im Nationaltheater Weimar bei der zentralen Gedenkfeier zur Befreiung der nationalsozialistische Konzentrationslager vor 60 Jahren.

Weimar (10.04.2005, 17:56 Uhr) - Schröder warnte vor einem Vergessen der Nazi-Verbrechen und des Völkermordes gewarnt und die moralische Verpflichtung Deutschlands betont. Das demokratische Deutschland werde «nicht zulassen, dass Unrecht und Gewalt, dass Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wieder eine Chance bekommen», sagte er am Sonntag in Weimar bei der zentralen Gedenkfeier zur Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager vor 60 Jahren. «Aus der Zeit der tiefsten Schande unseres Landes» müssten Lehren gezogen werden, die für Deutschland immer gelten. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, warnte vor einem Vorstoß rechtsextremer Parteien in die Mitte der Gesellschaft.

Mehr als 500 ehemalige Häftlinge aus 26 Ländern kamen zum Gedenken an die Opfer in das Deutsche Nationaltheater und das frühere NS- Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Sie gaben den nachfolgenden Generationen symbolisch ihr historisches Vermächtnis weiter, für eine Welt des Friedens und der Freiheit zu sorgen. Unter den 1200 Gästen waren auch Veteranen der US-Armee, die vor 60 Jahren zahlreiche Nazi-KZ in Deutschland befreit hatte. Der Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Kurt Julius Goldstein, nannte es beunruhigend, «dass es nicht gelungen ist, die Wurzeln des Nazismus zu vernichten».

Spiegel sieht ein Wiedererstarken des Rechtsextremismus: «Vor unseren Augen wachsen Überzeugungstäter heran.» Nach dem Einzug in die Landtage von Sachsen und Brandenburg sei es ihr Ziel, zum selbstverständlichen Bestandteil der politischen und gesellschaftlichen Kultur in Deutschland zu werden. «Das muss uns alarmieren.» Er warf vielen Eltern Versäumnisse vor, weil sie Kindern nicht Toleranz und Mitmenschlichkeit vorlebten. Auch Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) rief zu mehr Wachsamkeit auf. «Wir müssen uns mehr Mühe geben, als immer nur "Nie wieder!" zu sagen.»

Der Präsident des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, wandte sich gegen eine Relativierung der NS-Verbrechen. Die Aussage, dass der Völkermord an einer halben Million Sinti und Roma mit dem gleichen Willen zur Vernichtung durchgeführt worden sei wie der an den Juden, dürfe nicht in Frage gestellt werden. Der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora, Bertrand Herz, forderte die Jugend zum Kampf gegen jede Form von Ausgrenzung auf. Bei der Rede des spanischen Autors und ehemaligen Häftlings Jorge Semprún gab es empörte Zwischenrufe, als er sagte, bei der nächsten Gedenkfeier 2015 gebe es wohl keine Überlebenden mehr. «Die Zeugen verstummen.»

Auf dem Appellplatz in Buchenwald legten Schröder, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bundesratspräsident Matthias Platzeck (alle SPD), der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, und Althaus Kränze nieder. Ehemalige jüdische Häftlinge sowie Jugendliche erinnerten beim Kaddisch-Gebet an das unmenschliche Lagerleben.

In den NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern kamen Millionen Menschen aus ganz Europa um. Allein im KZ Buchenwald starben mehr als 56 000 Häftlinge. Von 1937 bis Kriegsende hatten die Nazis eine Viertel Million Menschen dorthin gebracht.

Mit einem Gottesdienst in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in Bayern wurde an den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer erinnert, der am 9. April 1945 kurz vor Befreiung des Lagers erhängt worden war. Der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich erinnerte kritisch an die Rolle seiner Kirche. Sie habe sich damals mit dem Staat arrangiert und die Augen vor dem verschlossen, worauf Bonhoeffer den Finger legte. «Nach dem Krieg hat man den Theologen Bonhoeffer erst einmal verdrängen wollen.» Darum könne die Kirche nicht an ihn erinnern, ohne das eigene Versagen zu bekennen. (tso)

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben