Gedenken an "Prager Frühling" : Mit Panzern gegen Reformen

Freiheit und Demokratie waren die Ziele des "Prager Frühlings". Am Donnerstag gedachten Tschechien und die Slowakei dem 40. Jahrestag der Niederschlagung der Demokratiebewegung. Der Vorsitzende des russischen Föderationsrates bezeichnete den Einmarsch als Fehler, auch Ungarn entschuldigte sich.

PragMit zahlreichen Veranstaltungen haben Tschechien und die Slowakei am Donnerstag der Niederschlagung der als "Prager Frühling" bekanntgewordenen Demokratiebewegung vor 40 Jahren gedacht. Am 21. August 1968 waren Truppen des Warschauer Paktes in die verbündete Tschechoslowakei einmarschiert und hatten den dortigen Versuch beendet, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen. "Die Sowjet-Invasion löschte den Traum von Demokratie in der Tschechoslowakei völlig aus", sagte der slowakische Regierungschef Robert Fico bei einem Treffen mit seinem Prager Kollegen Mirek Topolanek.

Mit einer Kranzniederlegung gedachten die beiden Politiker der zivilen Opfer. Bei dem Einmarsch kamen nach tschechischen Angaben 108 Menschen ums Leben, mehr als 500 wurden verletzt. Der tschechische Staatspräsident Vaclav Klaus erklärte Abend in Prag vor Vertretern aus Politik, Militär und Gesellschaft, die Militäraktion sei das Ergebnis des "expansiven sowjetischen Kommunismus" gewesen.

Prager Frühling hat die Wende vorbereitet

In Moskau bezeichnete der Vorsitzende des russischen Föderationsrates, Sergej Mironow, die Niederschlagung des Prager Frühlings als "Fehler". Der Einmarsch habe das Ende des Warschauer Paktes beschleunigt, sagte der Vorsitzende der kremlnahen Partei Gerechtes Russland. "Die Panzer kämpften damals nicht gegen einen Feind, sondern gegen eine politische Idee, und das ist ein Merkmal der Schwäche."

Im März 2006 hatte auch der damalige russische Präsident Wladimir Putin bei einem Besuch in Prag die Niederschlagung mit den Worten bedauert, Russland trage dafür "fraglos eine moralische Verantwortung". Eine offizielle Gedenkveranstaltung gab es am Donnerstag in Russland nicht.

Auch Ungarn entschuldigte sich dafür, dass das Land 1968 am Einmarsch der Truppen in Prag teilnahm. Kulturminister Istvan Hiller sprach von einer "Schmach und Schande". Ungarns Mitverantwortung werde auch nicht dadurch geschmälert, dass seine Truppen auf Druck der Sowjetunion mit nach Prag marschiert seien. Dennoch sei der "Prager Frühling" nicht vergeblich gewesen. Ebenso wie der Ungarn-Aufstand von 1956 habe er die Wende von 1989 vorbereitet.

Ziele: Wirtschaftsreformen, Mehrparteiensystem, Abschaffung der Medienzensur

In der Nacht zum 21. August waren die Truppen in Prag einmarschiert, um die vom damaligen tschechoslowakischen KP-Chef Alexander Dubcek eingeleiteten Schritte zur Demokratisierung des Landes zu stoppen. Dubcek wollte einem demokratischen Sozialismus den Weg ebnen. Neben Wirtschaftsreformen sollte ein Mehrparteiensystem eingeführt und die staatliche Medienzensur abgeschafft werden.

Der 21. August sei "der definitive Beginn vom Ende des Kommunismus gewesen", sagte der tschechische Präsident Klaus zuvor in Bratislava, wo er mit seinem slowakischen Kollegen Ivan Gasparovic an die gemeinsame Geschichte der Bruderstaaten erinnerte, die sich nach der politischen Wende zum Jahreswechsel 1992/93 friedlich trennten.

Manifest zum 40. Jahrestag

Auf dem zentralen Wenzelsplatz in Prag eröffnete bei großem Publikumsinteresse die Ausstellung des Nationalmuseums "Und Panzer kamen 1968". Ein Sowjetpanzer, Informations-Stellwände, Soldaten in historischen Unformen und Original-Filmaufnahmen riefen die Bilder von 1968 in Erinnerung, als Zivilisten versuchten, die Fahrzeuge und Soldaten des Warschauer Pakts zu stoppen und das nahe gelegene Rundfunkgebäude zu verteidigen.

Der "Prager Frühling" habe bis heute Impulse für eine Gesellschaftsordnung zwischen Kapitalismus und diktatorischem Sozialismus gegeben, heißt es in einem in der "Frankfurter Rundschau" (Donnerstag) veröffentlichten Manifest zum 40. Jahrestag des Einmarsches. Diese Ideen könnten helfen "bei der jetzt wieder neu beginnenden Suche nach dritten Wegen einer politischen und wirtschaftlichen Ordnung, die Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlergehen für alle (...) garantiert". Zu den 17 Unterzeichnern aus dem rot- grünen Spektrum gehören der Schriftsteller Günter Grass, die Grünen- Vorsitzende Claudia Roth, Entwicklungsministerin Heidemarie Wiezcorek-Zeul und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (beide SPD). (nis/dpa)

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