Gedenken : Das europäische Vermächtnis des 20. Juli

Das Gedenken an die Hitler-Attentäter könnte ein europäisches werden - doch dazu müssten sich zunächst die Deutschen diesem Datum stellen, meint unser Gastautor.

Ulrich Schlie
Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann (l.), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten (Archivfoto vom 20.07.1944). Als am 20. Juli 1944 gegen 12.50 Uhr der Sprengsatz in der "Wolfsschanze" detoniert, ging Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom Tod des Diktators aus. Für den Attentäter schien das größte Hindernis für den Sturz der Nazis beseitigt. Doch vor Tagesende war "Operation Walküre" gescheitert. Hitler überlebte den Anschlag, Stauffenberg wurde hingerichtet.
Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann (l.), begutachten die...Foto: picture alliance/dpa

Der 20. Juli 1944 in Deutschland war eine nationale Tragödie, und er ist zugleich ein europäisches Ereignis, weil er als Fanal weit über seine Zeit hinausreicht. Der 20. Juli war eine nationale Tragödie, weil Staatsstreich und Attentat gescheitert sind. Danach hat es noch fast zehn qualvolle  Monate gedauert, bis das Hitlerregime fiel und der Krieg in Europa ausgekämpft war. Allein im Zeitraum zwischen dem 20. Juli 1944 und dem 8. Mai 1945, dem Kriegsende in Europa, haben genauso viele Menschen mit ihrem Leben für den Wahn von Hitlers rassenideologischem Vernichtungskrieg gezahlt wie in allen Kriegsjahren zuvor zusammengenommen. Hätte der Krieg durch eine bedingungslose Übergabe am 21. Juli 1944 abgekürzt werden können, wäre auch zahlloses Leid erspart geblieben. Statt dessen triumphierte das Regime. Die Vorsehung habe ihn gerettet, ließ Hitler, mit leichten Verletzungen nach der Bombendetonation in der Wolfsschanze davongekommen, noch am selben Tag  verkünden. Der Attentäter und seine engsten Helfer wurden noch in der Nacht des 20. Juli an Ort und Stelle im Berliner Bendlerblock hingerichtet, es folgten in  den Monaten danach vor dem Volksgerichtshof grausam-würdelose Schauprozesse gegen einen breit gezogenen Kreis, der an der Vorbereitung beteiligt bzw. auch nur mit dem Staatsstreichgedanken sympathisiert hatte. Die Auswirkungen der Diffamierung durch die nationalsozialistische Propaganda hielten sich lange. Beinahe wäre Hitlers Kalkül aufgegangen, Stauffenbergs Tat als das Ergebnis einer „kleinen verbrecherischen Clique reaktionärer Offiziere“ zu verunglimpfen. Die Deutschen taten sich auch nach 1945 schwer, Stauffenberg als Held zu begreifen. Der 20. Juli war auch deshalb wenig populär, weil er mit der unangenehmen Wahrheit konfrontierte, dass es zum Mitlaufen und Mitmachen im Dritten Reich eine Alternative gegeben hatte.

 Der 20. Juli war eine nationale Tragödie, weil Staatsstreich und Attentat gescheitert sind

Auch aus Scheitern kann Gestaltung hervorgehen, und bisweilen gelingt es, Verlust in Gewinn zu wandeln. Dies setzt aber Verständnis, Gestaltungswillen und die Fähigkeit zur Demut voraus. Von vornherein war der 20. Juli auch als symbolisches Handeln angelegt. Bereits unmittelbar nach Staatsstreichversuch und Attentat ist er dann auch zum Symbol geworden. Der deutsche  Widerstand vom 20. Juli war keine Resistenza und auch keine Résistance. Er war immer ein Widerstand ohne Volk, und er war noch dazu im Krieg mit dem Makel des potentiellen Vorwurfs des Landesverrats behaftet.

 Haben die Deutschen es den Frauen und Männern vom 20. Juli gedankt? Der 20. Juli ist in der Bundesrepublik nie zum offiziellen Feiertag aufgerückt. Darin ist der 20. Juli anderen bewegenden Tagen der deutschen Geschichte nicht unähnlich. Der Tag des Mauerfalls, der 9. November, als die Geschichte in Bewegung geriet, ist zugunsten des 3. Oktobers als Nationalfeiertag zurückgetreten, der 23. Mai 1949, als das Grundgesetz in Kraft trat, ist trotz Verfassungspatriotismus kein offizieller Feiertag geworden, der 8. Mai, mit dem Kriegsende in Europa der wohl tiefste Einschnitt im 20. Jahrhundert, ist in seiner Ambivalenz von Niederlage und Befreiung auch kein Tag zum Feiern.  Und am 17. Juni, solange er offizieller Feiertag in der alten Bundesrepublik gewesen ist, zog ein Großteil der (West)Deutschen  es vor, zum Baden zu fahren. Mit dem zeitlichen Abstand indes ist das Interesse der Deutschen am 20. Juli gewachsen. Auch hat die Bundesrepublik in der Zwischenzeit am 20. Juli zu einem Ritual des Erinnerns gefunden, mit Kranzniederlegung im Bendlerblock, Feierstunde und Ansprachen, seit einigen Jahren nun auch mit einem öffentlichen Gelöbnis von  Bundeswehrrekruten vor dem Reichstag.

 Der 20. Juli könnte ein europäischer Gedenktag werden

In der Geschichtswissenschaft wurde lange darüber gestritten, wie demokratisch der Attentäter und seine Helfer gewesen seien und gerne auch das Argument bemüht, dass Reaktionäre keine Vorbilder für das Heute sein können. Dieser eher skeptische Blick kontrastiert mit dem anhaltend großen Interesse des Auslands an Stauffenbergs Tat und dem Staatsstreichversuch. Der Erfolg von „Operation Valkyrie“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle und dem Begleitgetöse der Dreharbeiten in Berlin ist dafür nur ein Beispiel. In diesem Spannungsverhältnis zeigt sich auch die für die Erinnerung an den 20. Juli eigentümliche Verbindung von Faszination und Ferne. Faszination, weil Stauffenberg mit seiner befreienden Tat in dunkler Zeit ein Licht der Humanität angezündet hat, und Ferne zugleich, weil die Lebens- und Gedankenwelt der Frauen und Männer des 20. Juli, ihr Ethos, ihre Unbedingtheit, auch ihr Patriotismus von unserer heutigen Welt weit entfernt scheinen. Sie waren indes immer mehr als bloße Antipoden Hitlers. Ihr Kampf kann auch als Versuch verstanden werden, „das 19. Jahrhundert geistig zu überwinden“ (Marion Gräfin Dönhoff). Darin besteht ihr eigentlich europäisches Vermächtnis. Als Fritz Stern vor einigen Jahren in seiner Festrede am 20. Juli einforderte, dieses Ereignis in eine europäische Erinnerungskultur überzuführen, war der Beifall groß und der Nachhall klein. Dies war wohl zu gleichen Teilen Ratlosigkeit und Verschämtheit geschuldet, denn die Sorge, mit einer prominenten Erinnerung an den 20. Juli die Verbrechen des Hitlerregimes relativieren zu wollen, ist so aktuell wie eh und je. Als rein innerdeutsche Angelegenheit indes wird der 20. Juli kaum seinen heute noch eingenommenen Platz im öffentlichen Leben behaupten können, zumal die erlebenden Zeitgenossen immer weniger unter uns sind.

Worin eine europäische Erinnerung bestehen könnte, die die nationalen Besonderheiten des deutschen Widerstandes nicht verwischt

 Worin aber könnte eine europäische Erinnerung bestehen, die die nationalen Besonderheiten des deutschen Widerstandes nicht verwischt? Zunächst in der zeitlosen Lehre, dass Mut und Zivilcourage heute so nötig sind wie damals, dass Recht, Freiheit und Demokratie, wenn es darauf ankommt, verteidigt werden müssen und dass die Grenzen von Partei, Konfession und auch Nation nicht mehr zählen, wenn es um diesen Einsatz geht. Die Geschichte unserer Nationen in Europa, so unterschiedlich sie auch verlaufen sein mag, ist auch voller Beispiele von einzelnen, die durch ihren individuellen Einsatz zu wirken verstanden, um den Gang der Geschichte positiv zu wenden.  Gerade in einem zusammenwachsenden Europa sind wir darauf angewiesen, immer mehr voneinander und damit von unseren jeweiligen nationalen Geschichten zu wissen. Die Zahl an echten europäischen Vorbildern ist jedoch begrenzt. Stauffenberg und seine Freunde vom 20. Juli haben einen festen Platz im Buch der europäischen Geschichte verdient. Es war eine nationale Tragödie, aber solchen Ausmasses, dass sie nicht auf die Nationalgeschichte begrenzt bleiben kann. Was Henning von Tresckow, Stauffenbergs Weggefährte, auf Deutschland bezogen hat, gilt weit darüber hinaus: „Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott auch Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird.“ 

Ulrich Schlie ist Historiker. Von 2012 bis 2014 leitete er die Abteilung Politik im Verteidigungsministerium, seit 2014 ist er wieder im Auswärtigen Amt tätig. Ulrich Schlie ist Mitglied des Kuratoriums der "Stiftung 20. Juli 1944".

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