Gedenken : Gräber und Gräben in Russland

Am heutigen 70. Jahrestag der Massaker von Katyn gedenken die Regierungschefs Russlands und Polens gemeinsam der Opfer.

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Gedenken an Katyn auf einem polnischen Militärfriedhof vor zwei Jahren. -Foto: dpa

Die Bäume an der Straße nach Katyn sind abgeholzt, dahinter könnten sich Terroristen verstecken. Auf einen Kampf mit den zahlreichen Schlaglöchern hat sich der Gouverneur von Smolensk dagegen gar nicht erst eingelassen. Der Grund: Zeitnot. Erst vor sieben Wochen erfuhr Russlands westlichste Gebietskörperschaft, welche hohe Ehre ihr die Regierung im 400 Kilometer entfernten Moskau zugedacht hat. Premier Wladimir Putin hatte seinen polnischen Amtskollegen Donald Tusk eingeladen, gemeinsam der Opfer eines Massakers zu gedenken, das sich heute zum 70. Mal jährt: Im April 1940 hatte der sowjetische Geheimdienst mehrere tausend Polen erschossen – Offiziere, aber auch Intellektuelle, Beamte und Priester. Kriegsgefangene Moskaus.

Kurz nach seinem Überfall auf Polen im September 1939 hatte Hitler sich mit Stalin über die Teilung des Landes geeinigt, Moskau hatte den Osten besetzt und die Eliten sofort kollektiv deportiert: nach Weißrussland, in die Ukraine und in den Westen Russlands. Dort wurden insgesamt rund 22 000 polnische Kriegsgefangene exekutiert. Selbst nach sowjetischem Recht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie auch Roman Rudenko, Moskaus oberster Staatsanwalt und Chefankläger beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945 einräumte. Er lastete das Massaker allerdings Hitlerdeutschland an. Denn es war die Wehrmacht, die die Massengräber in den Wäldern bei Katyn 1943 entdeckt hatte. Deutschen Schuldzuweisungen an Stalin glaubte damals jedoch nur die polnische Exilregierung in London, die sofort die diplomatischen Beziehungen zu Moskau abbrach.

Erst in der Perestroika übergab Michail Gorbatschow Archivdokumente an Warschau, die Moskaus Schuld belegen. Darunter eine Liste mit fast 15 000 Namen der Erschossenen und das Protokoll jener Sitzung der sowjetischen Parteiführung, die das Massaker beschlossen hatte. Das postkommunistische Russland legte weitere Beweise vor. Auf Initiative von Präsident Boris Jelzin begann die oberste Militärstaatsanwaltschaft sogar mit Untersuchungen. Die, so ein ehemaliger Ermittler, seien jedoch schon 1994 gebremst worden. Aus politischen Gründen. Polen verhandelte über den Beitritt zu Nato und EU, was Russland erfolglos zu hintertreiben versuchte. Weiter getrübt wurde das Verhältnis der beiden Staaten durch den Streit um die Ostseepipeline, mit der Russland Polen bei seinen Gaslieferungen nach Westeuropa außen vor lassen wollte. Warschau protestierte, wurde von Russland mit einem Embargo für polnische Fleischimporte abgestraft und 2006 zur 750-Jahr-Feier von Königsberg demonstrativ nicht eingeladen. Zwei Jahre zuvor hatte Moskau die Ermittlungen zu Katyn eingestellt – angeblich mangels konkreter Beweise und weil die Schuldigen tot sind.

Zusätzlich in Rage brachte Putin die damals in Warschau regierenden Kaczynski-Brüder mit Russlands neuem Nationalfeiertag, dem 4. November, an dem vor über 300 Jahren die Moskowiter die polnischen Okkupanten aus dem Kreml gejagt haben sollen. Warschau konterte mit demonstrativer Unterstützung für Putins Intimfeind, den inzwischen abgewählten ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko und der Bereitschaft zur Stationierung US-amerikanischer Raketen und Abwehrstellungen, durch die Russland sich bedroht sieht.

Das Eis brach erst, als im Herbst 2007 Donald Tusk in Warschau die Macht übernahm, die sanft entschlafene russisch- polnische „Kommission für schwierige Fragen“ reanimierte und Amtsbruder Putin im September 2009 zu den Gedenkfeiern des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen einlud. Versöhnliche Töne, die er in Gdansk auf der Westerplatte anschlug, werteten Nationalisten als Verrat. Die immer mächtiger werdende russisch-orthodoxe Kirche dagegen setzte Stalin als Massenmörder mit Hitler gleich.

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