Gedenkfeier für Opfer der Neonazis : Wunden und Worte

Genau so hatten sie es sich vorgestellt. Auf der Gedenkfeier für die zehn Opfer des Nazi-Terrors machen die Familien ihren Frieden mit einem Land, in dem sie selbst lange als mögliche Täter galten. Kanzlerin Merkel bat sie um Verzeihung dafür. Das wollten die Angehörigen hören.

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Lichtblicke. Gamze Kubasik (links) und Semiya Simsek sprachen über ihre Familien, ihren Schmerz – und über ihre Hoffnung.
Lichtblicke. Gamze Kubasik (links) und Semiya Simsek sprachen über ihre Familien, ihren Schmerz – und über ihre Hoffnung.Foto: AFP

Die Anspannung ist aus ihrem Gesicht gewichen, und das Kribbeln, das sie den ganzen Tag verfolgt hatte, fühlt sich jetzt anders an. Gamze Kubasik streicht über ihren Bauch und sagt: „Ich glaube, ich habe Hunger.“ Es ist 13.06 Uhr, als die Tochter von Mehmet Kubasik, der am 4. April 2006 in Dortmund mutmaßlich von der rechten Terrorzelle erschossen wurde, im Türkischen Haus an der Urania ankommt. Der türkische Botschafter hat die Angehörigen von Opfern der rechtsterroristischen Mordserie nach der staatlichen Trauerfeier im Konzerthaus hierher zum Essen eingeladen.

Als Überraschungsgast taucht der künftige Bundespräsident Joachim Gauck auf, der aber schnell versichert, dass er nur als Bürger hier sei, als Vorsitzender der Vereinigung gegen das Vergessen, die „für ein Deutschland eintrete, das gegen rechte Gewalt aufsteht“.

Gamze Kubasik hat nicht gehört, was Gauck gesagt hat, sie ist froh, dass sie jetzt endlich gemeinsam mit ihrer Familie an einem der festlich geschmückten Tische Platz nehmen darf. Gleich werden die Türen zugehen, alle Medien werden weg sein und die Familien unter sich.

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Neonazi-Mordserie
Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: dapd
23.02.2012 11:11Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.

Gamze Kubasik hat nichts gegen Öffentlichkeit. Sie hat so viele Jahre darauf gewartet, dass sie dieser Öffentlichkeit, die ihr viele Jahre so gleichgültig erscheinen musste, mitteilen kann, was sie durchgemacht haben. Nun ist es ein Staatsakt vor 1200 geladenen Gästen geworden, live übertragen. Jetzt, wo alles vorbei ist und der Magen knurrt, sagt Gamze Kubasik: „Es war gut, es war so, wie wir uns das vorgestellt haben. Und wir nehmen die Entschuldigung von Frau Merkel an.“

Knapp drei Stunden zuvor hatte Gamze Kubasik gemeinsam mit der Tochter des ersten Opfers der Mordserie, Semiya Simsek, in der ersten Reihe des Konzerthauses am Gendarmenmarkt gesessen. Immer wieder haben die beiden sich kurz angeschaut, haben ein paar leise Worte gewechselt und gescherzt, um sich gegenseitig im Kampf gegen die Tränen zu unterstützen. Dieser Staatsakt erzählt natürlich eine Geschichte über alle Familien und Opfer, aber Gamze Kubasik und Semiya Simsek haben dafür gesorgt, dass sie aktiv miterzählen können. Die beiden Töchter waren die Einzigen, gemeinsam mit dem Vater des am 6. April 2006 in Kassel erschossenen Halil Yozgat, die die Kraft hatten, in den letzten Jahren in die Öffentlichkeit zu gehen und auf ihre Fälle aufmerksam zu machen.

„Dein Vater hätte nicht sterben müssen“, mit diesen Worten begann ihre Freundschaft. Und damals, im Sommer 2006, als Semiya Simsek diesen Satz auf einer Demonstration gegen Fremdenhass zu Gamze Kubasik sagte, war ihnen noch gar nicht so ganz klar, wie richtig er war. Als am 9. September 2000 Enver Simsek mit acht Schüssen an seinem Blumenstand in Nürnberg regelrecht hingerichtet wurde, versprach die Polizei, in alle Richtungen zu ermitteln, nur der Weg in Richtung rechter Terror und Fremdenhass blieb unbeschritten.

Als Gamzes Vater und Ismail Yozgats Sohn erschossen wurden, waren sie, das weiß das Land seit November, die letzten Opfer ausländischer Herkunft, sieben weitere Menschen waren vor ihnen getötet worden, und die Polizistin Michèle Kiesewetter sollte noch folgen. Aber „die Einzigen, die an einen rechtsextremen Hintergrund glaubten, waren wir“, haben Simsek und Kubasik immer wieder betont und damit gleich erklärt, warum sie nach Bekanntwerden der rechten Terrorzelle den Glauben „an diesen Staat verloren haben“. Sie mussten stattdessen mit Verdächtigungen und falschen Ermittlungen leben, und die Hauptverdächtigen waren Familienmitglieder – etwa die Mütter von Semiya und Gamze oder Ismail Yozgat selbst, der Vater von Halil, dessen Sohn in seinen Armen verblutet war.

Das Netzwerk des braunen Terrors.
Das Netzwerk des braunen Terrors.Foto/Grafik: Tagesspiegel/Frank Jansen

Längst hat sich das Konzerthaus gefüllt, Schüler haben zwölf Kerzen hereingetragen – zehn für die Opfer, eine für die Hoffnung und eine weitere für unbekannte Opfer. Acht von den zehn betroffenen Familien sind mit Angehörigen gekommen. Als die Bundeskanzlerin, die neben Ismail Yozgat sitzt, aufsteht und zum Rednerpult geht, ein paar Treppenstufen hoch, vorbei an dem Tisch mit den Kerzen, sitzt Gamze Kubasik aufrecht und unbeweglich, die Hände an ihr Programmheft geklammert. Die Angehörigen sagen, dass sie dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff vertraut haben, weil er zugehört und auch verstanden habe, was ihnen wichtig sei. Umso wichtiger ist es ihnen nun, dass Angela Merkel die für sie entscheidenden Dinge anspricht.

Merkel erinnert an alle Getöteten, als sie Gamzes Vater erwähnt, verharrt die Tochter in ihrer starren Haltung, später wird sie sagen, dass das ein Moment war, in dem sie wusste, „jetzt könnte ich losheulen“. Als Merkel erwähnt, dass die Familien „zu Unrecht unter Verdacht“ standen, und sagt, „dafür bitte ich Sie um Verzeihung“, nicken sich beide Töchter kurz zu. Diese Entschuldigung wollten sie hören, und sie wollten hören, dass Merkel ihnen „Aufklärung“ verspricht.

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