Gedenkfeier : Schwierige Gästeliste in Polen

Polen ist enttäuscht, dass Obama nicht an Gedenkfeier zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs teilnimmt. Wladimir Putin ist wenig willkommen.

Knut Krohn[Warschau]

Über Angela Merkel spricht niemand. Im Vorfeld der Feierlichkeiten auf der Westerplatte gibt es in Polen allerlei Aufhebens um die Liste der Teilnehmer an der Zeremonie. 20 Regierungschefs werden am 1. September des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren gedenken, doch die deutsche Kanzlerin steht in der hitzigen öffentlichen Diskussion nicht in der Kritik. Dass Merkel an der deutschen Kriegsschuld keinen Zweifel aufkommen lässt, ist für die Polen eine Selbstverständlichkeit. Wie sie jüngst am „Tag der Heimat“ die Vertriebenenverbände an diese Tatsache erinnerte, wird ihr hoch angerechnet. Und dass sie, die als Ostdeutsche das kommunistische Regime am eigenen Leib erdulden musste, die Verdienste Polens im Kampf gegen die Unterdrücker glaubhaft würdigt, bringt ihr die uneingeschränkte Gunst der Nachbarn. Angela Merkels Sympathiewerte sind in Polen überwältigend.

Von Wladimir Putin kann das nicht behauptet werden. Der russische Premier spielt in den Augen der meisten Polen die Hauptrolle des Schurken. Der Kreml müsse endlich eingestehen, dass er Mitschuld am Ausbruch des Zeiten Weltkrieges habe, wird gefordert. Putin begegnet solchen Sätzen kalt lächelnd. Niemand soll den heldenhaften Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland schmälern. Vorbei sind die Zeiten der außenpolitischen Glasnost, als der damalige Präsident Michail Gorbatschow etwa erklärte, dass die Sowjetunion die alleinige Schuld trage an dem Massaker von Katyn. Im Frühjahr 1940 erschossen dort russische Soldaten 20 000 polnische Offiziere. Ziel war es, die politische Elite des Staates zu vernichten. Doch Gorbatschow ist längst Geschichte und heute heißt es, dass es in Katyn keinen Massenmord sowjetischer Truppen gegeben habe.

Als Wladimir Putin sein Kommen auf die Westerplatte zusagte, flammte in Polen kurz die Hoffnung auf, dass der starke Mann aus Russland zumindest ein Wort des Bedauerns für die Besetzung der östlichen Gebiete oder die Unterzeichnung des deutsch-russischen „Hitler-Stalin- Paktes“ finden könnte. Dann aber machte die polnische Tageszeitung „Dziennik“ publik, dass pünktlich zum 1. September ein Buch russischer Historiker mit dem Titel „Die Geheimnisse der polnischen Außenpolitik 1935 bis 1945“ erscheinen wird. Darin soll auf der Grundlage bisher geheim gehaltener Dokumente bewiesen werden, dass sich Polen damals mit dem Dritten Reich in einem geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 zusätzlich auch über die Aufteilung Litauens und der Tschechoslowakei geeinigt habe.

„Lüge, Lüge und nochmals Lüge“, donnerte empört der Kommentator von „Dziennik“ angesichts dieser Aussagen und rückte die Verfasser des Werkes in die Nähe von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Der polnische Premier Donald Tusk drückte sich natürlich diplomatischer aus. Er erklärte, dass es zwischen Polen und Russen Unterschiede bei den „historischen Sensibilitäten“ gebe. Seine Analyse: Russland habe Angst gedemütigt zu werden, weshalb es die Mitverantwortung für den Kriegsausbruch nicht übernehme. Für diesen Satz, mit dem er Hitler und Stalin auf eine Stufe stellt, würde der polnische Premier in Russland allerdings bald für viele Jahre im Gefängnis landen. Auf Initiative des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew ist ein Gesetz in Arbeit, mit dem jene bestraft werden sollen, die die sowjetische und russische Geschichte „verfälschen“.

Bleibt am 1. September noch die Hauptrolle des Guten zu besetzen. Die Polen hätten darin gerne den US-Präsidenten Barack Obama gesehen. Der aber hat abgewunken und damit Warschau schwer vor den Kopf gestoßen. Nun wurde bekannt, dass nicht einmal Außenministerin Hillary Clinton den Weg nach Danzig findet. Stattdessen wird der 81-jährige Ex-Verteidigungsminister William Perry die USA vertreten – eine schwere Schmach für Polen, das sich als „erster Verbündeter“ Washingtons in Europa betrachtet. Wie viele polnische Soldaten müssten in Afghanistan und im Irak noch für die amerikanische Sache sterben, bevor wir als Partner anerkannt werden, fragen die Kommentatoren unisono.

Nun will die liberale Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ auch noch erfahren haben, dass der von den USA geplante Raketenschutzschild doch nicht in Polen aufgebaut werde. Ein weiterer schwerer Schlag. Denn trotz Nato- und EU-Mitgliedschaft sieht Warschau in den USA noch immer den einzigen realen Garanten für die Sicherheit des Landes. Dem Volk aus der Seele spricht wohl wieder einmal Lech Walesa. Der hat in Polen politisch zwar längst keinen Einfluss mehr, fungiert aber als eine Art Gewissen der Nation. Im Boulevardblatt „Fakt“ erklärt der Nobelpreisträger: „Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir als Gesellschaft unsere Haltung gegenüber amerikanischen Politikern überprüfen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben