Gedenkpolitik : Gedenken statt Ehrung am Volkstrauertag

Berlin/Verona - Die Bundesrepublik ist im Begriff, ihre offizielle Gedenkpolitik zu korrigieren. Zum Volkstrauertag an diesem Sonntag war erstmals auf einem Soldatenfriedhof nicht mehr von „Ehrung“ der Toten die Rede, sondern nur noch von „Gedenken“. Gegen die jährliche Feier mit der bisher üblichen Formulierung auf dem Soldatenfriedhof von Costermano bei Verona hatte seit geraumer Zeit eine deutsch-italienische Initiative protestiert. In Costermano liegen etwa 22000 deutsche Kriegsteilnehmer begraben, darunter etwa 550 SS-Angehörige. Von zwölf Männern ist bekannt, dass sie in Vernichtungslagern eingesetzt und aktiv am NS-Euthanasieprogramm beteiligt waren. Die Namen von drei von ihnen sind inzwischen aus den metallenen „Ehrenbüchern“ auf dem Friedhof getilgt, die Bücher selbst in „Namenbücher“ umbenannt. Die Kritiker – unter ihnen die Tochter des aus Berlin stammenden und in Costermano begrabenen Soldaten Hans Schmidt, der erschossen wurde, weil er mit italienischen Partisanen zusammenarbeitete – verlangen, dass diese Bücher vollständig abgeschafft werden. Sie dringen zudem darauf, dass an die NS-Opfer erinnert wird. Der frühere Generalkonsul im Mailand, Manfred Steinkühler, der sich 1988 erstmals geweigert hatte, an der Feier in Costermano teilzunehmen, hält nachhaltige Änderungen nun für immerhin denkbar, äußerte aber grundsätzliche Kritik: „In allen Staaten, die an beiden Weltkriegen beteiligt waren, ist Gedenkpolitik Sache von Parlament und Regierung. Nur Deutschland überlässt sie einem Verein bürgerlichen Rechts, dem Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge.“ ade

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