Politik : Gedöns und Schlüsselkinder

Das Familienministerium wird 50 Jahre alt – und kämpft noch immer für den Ausgleich von Beruf und Familie

Robert von Rimscha

Der beste Scherz des Nachmittags hatte mit dem Anlass der Feier nichts zu tun. Gerhard Schröder meinte bei seinem Auftritt im Berliner Ensemble: „Direkt hinter mir sitzt Michael Sommer, ich hoffe, er ist auf Waf- fen untersucht worden am Eingang.“ Der DGB-Chef ist bekanntermaßen ein harscher Kritiker des Reformkurses des Kanzlers, und der hat bekanntermaßen derzeit alle Hände voll zu tun mit eben diesen Reformen.

Aber im Berliner Ensemble sollte es um anderes gehen. 50 Jahre alt wird das Familienministerium. Eine Institution also, wenn auch eine, die sich noch immer gegen das kanzlersche Etikett „Gedöns“ wehren muss. Es begann mit dem Familienlastenausgleich von 1949. Erstmals gab es Kinderfreibeträge, doch Geringverdiener profitierten davon kaum. 1952 folgte das Mutterschutzgesetz; 1953 wurde Franz-Josef Wuermeling erster Familienminister. Das war in Zeiten, als per Gesetz der Name des Mannes noch automatisch zum Ehenamen wurde, und der Ehegatte die Anstellung seiner Frau kündigen konnte.

Der erste Minister wurde durch den „Wuermeling-Pass“ bekannt, mit dem der Nachwuchs aus kinderreichen Familien zum halben Preis Zugfahren konnte – und durch Appelle an Deutschlands Frauen, hinter dem Herd zu bleiben: „Eine Mutter daheim ersetzt vielfach Autos, Musiktruhen und Auslandsreisen!“ Wuermelings 13. Nachfolger, Renate Schmidt, saß am Donnerstag mit ihren Vorgängern zusammen und diskutierte den Wandel der Familie und jenen des Hauses. Denn das Ministerium änderte seinen Namen und Zuschnitt häufig. Noch grundlegender aber änderte sich die Realität von Familien in Deutschland. Schon unter dem zweiten Minister, Bruno Heck, stritt die Republik über Begriffe wie „Rabenmütter“ und „Schlüsselkinder“ – Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Neue Einstellungen zur Sexualität oder die Rolle der Frau und auch die deutsche Einheit waren weitere Herausforderungen.

Dem Trend zur Motto-Show folgend durften dazu der Sänger Peter Kraus, der Aufklärer Oswalt Kolle und die Schauspielerin Marie-Luise Marjan über ihr jeweiliges Jahrzehnt sprechen. Renate Schmidt und Gerhard Schröder versprachen übrigens beide, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Kernthema ihrer Arbeit zu machen. So grundlegend haben sich die Aufgaben der Familienpolitik doch nicht gewandelt. Und dann war Schröder wieder beim Thema Sparen und Reformen. Das Kindergeld werde nicht angetastet, versprach der Kanzler.

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