Politik : Gefährden Auslandseinsätze die Moral der Soldaten?

Minister Struck prüft nach Misshandlungen Konsequenzen für Ausbildung und Innere Führung / Union: Für Einzelfall zu viele beteiligt

Robert Birnbaum

Berlin/Coesfeld - Die Bundeswehr überprüft nach den Misshandlungen von Rekruten in Coesfeld die innere Ausrichtung der Armee. Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) kündigte am Mittwoch im Verteidigungsausschuss an, es werde geprüft, welche Folgen die Auslandseinsätze für die Innere Führung und die Sichtweise der Soldaten hätten. Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan soll unter anderem der Frage nachgehen, wie sich die Erfahrungen mit Elend, Gewalt und Hilflosigkeit in Krisengebieten auf die Armee auswirken. Nach Angaben des Heerestruppenkommandos in Koblenz waren mehrere der beschuldigten Ausbilder in Auslandseinsätzen. Von den Opfern waren mehr als die Hälfte Grundwehrdienstleistende, die übrigen strebten eine längere Karriere bis hin zur Offizierslaufbahn an. Überprüft werden soll auch, wie die Grundsätze der Inneren Führung mit den neuen Anforderungen besser in Einklang gebracht werden können.

Struck äußerte ebenso wie Wehrexperten von Koalition und Opposition zugleich die Hoffnung, dass die simulierten Geiselnahmen in Coesfeld ein Einzelfall waren. „In der Bundeswehr darf niemand misshandelt werden“, betonte Struck. Der verteidigungspolitische Sprecher der Union, Christian Schmidt (CSU), warnte aber davor, bei 21 Vorgesetzten, gegen die ermittelt werde, noch von einem „Einzelfall“ zu sprechen. Ebenso wie der Grünen-Wehrexperte Winfried Nachtwei forderte Schmidt vorrangig Aufklärung darüber, warum sich keiner der bis zu 100 betroffenen Rekruten über die „Übung“ beschwert hatte, bei der mit den jungen Soldaten eine Foltersituation simuliert wurde. Auch Struck nannte dieses Schweigen „bedenklich“. Offenbar liege die Ursache in einer Mischung aus falsch verstandener Gruppensolidarität und Abenteurertum. Der SPD-Wehrexperte Rainer Arnold wies darauf hin, dass „Gefangennahme“ als Übung für die Grundausbildung seit Februar ausdrücklich verboten sei.

Ein 26 Jahre alter Unteroffizier hat inzwischen zugegeben, Rekruten mit dem Schwachstrom eines Feldfernsprechers misshandelt zu haben. Sein Dortmunder Rechtsanwalt Thomas Buchheit sagte: „Es reut ihn unendlich.“ Dass sich die Betroffenen nicht beschwerten, liege möglicherweise an einem Codewort, mit dem die Misshandlungen beendet werden konnten: „Es gab dieses Kennwort, das hat jeder Rekrut gewusst. Es gab auch Soldaten, die das in Anspruch genommen haben“, sagte der Anwalt.

Der Sprecher der bundeswehrkritischen Offiziersvereinigung „Arbeitskreis Darmstädter Signal“, Helmuth Prieß, sah den Vorfall in einer Reihe mit anderen Übergriffen. In der Bundeswehr gebe es seit Jahren „immer wieder auftauchende Eisberge von Unterdrückung und Drangsalierung von Untergebenen“. Die Dienstaufsicht müsse verbessert werden.

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