Politik : Gefährliches Dorffest

Auch der Bruder des Nazi-Opfers aus 2005 in Zerbst wurde verprügelt – und viel deutet auf Rechtsextreme

Frank Jansen

Zerbst/Berlin - Der Innenminister von Sachsen-Anhalt ist besorgt. Angesichts der großen Zahl rechter Straftaten „ist das Image des Landes erheblich lädiert“, sagte Holger Hövelmann (SPD) am Montag dem Tagesspiegel. Auch bei dem erneuten Angriff auf den Punk Ricco R., der im Sommer 2005 bei einem rechten Überfall in Zerbst ein Auge verloren hatte und am Wochenende nahe der Stadt wieder geschlagen wurde, sei ein extremistischer Hintergrund nicht auszuschließen. Hövelmann, von 2001 bis 2006 Landrat in Anhalt-Zerbst, verwahrt sich aber gegen Äußerungen über eine „No-go-Area“, wie sie jetzt in Sicherheitskreisen zu hören waren. „Das ist Quatsch“, ärgert sich der Minister. Es gebe „schlimme Einzelfälle“, aber die Region Zerbst sei „keine rechte Ecke“.

Unterdessen hat die Abteilung Staatsschutz der Polizeidirektion Dessau eine Ermittlungsgruppe gebildet, die aufklären soll, wie sich in der Nacht zum Sonntag in der Ortschaft Zernitz-Strinum der Angriff auf den 17 Jahre alten Punk abgespielt hat. „Ich bin zutiefst bestürzt über den Vorfall, weil dem Opfer vom vergangenen Sommer nun wieder Schmerzen zugefügt wurden“, sagte Staatsschutzchef Sven Gratzik am Montag dem Tagesspiegel. Außerdem gibt es ein zweites Opfer: Der jüngere Bruder von Ricco R., der 15-jährige Tarek, wollte offenbar schlichten und wurde ebenfalls in Zernitz-Strinum geprügelt.

Aus den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft sowie den Angaben der Mutter von Ricco und Tarek R. ergibt sich ein ungefähres Bild der Tat. Die beiden Brüder hatten sich Samstagabend mit Freunden bei dem Dorffest „Strinscher Freitag“ getroffen. Es kam zu einem Wortgefecht mit jungen Männern. Anlass könnte die Irokesenfrisur von Ricco R. gewesen sein. Der Punk, angetrunken und außerdem traumatisiert durch den Verlust seines rechten Auges bei dem Angriff vom Juli 2005, setzte sich verbal zur Wehr. Auf dem Fest oder an einer nahen Bushaltestelle versetzte dann ein jüngerer Mann Ricco R. Schläge. Der Punk verlor einen Schneidezahn und erlitt Prellungen. Als Tarek R. eingriff, verpasste derselbe Schläger oder ein zweiter ihm Fausthiebe ins Gesicht und Kniestöße in die Rippen. Weder Tarek noch Ricco R. wehrten sich. Vor oder während der Auseinandersetzung zog Ricco R. sein Hemd aus, darunter trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Gegen Nazis“. Wegen dieses T-Shirts hatte im Juli 2005 ein rechter Schläger Ricco R. ein Bierglas ins Gesicht gestoßen, dadurch verlor er das Auge. Welche Rolle die Anti-Nazi-Parole jetzt spielte, ist offen.

Tarek R. rief von Zernitz-Strinum über sein Handy einen Freund an, der in Zerbst die Polizei alarmierte. 35 Beamte fuhren in acht Streifenwagen zum Dorf. Aus Angst vor weiteren Schlägen hatte sich Ricco R. in einem Feld versteckt. Die Polizei holte ihn heraus, dann wurden beide Brüder zum Krankenhaus in Zerbst gebracht. Ricco R., offenbar völlig durcheinander, lehnte trotz Schmerzen und blutender Nase eine Behandlung ab. Im Krankenhaus und davor beobachtete Tarek R., dass sich mutmaßliche Rechtsextremisten versammelten, darunter Besucher des Dorffestes in Zernitz-Strinum. Es soll gedroht worden sein, „wir rechnen noch weiter ab“. Laut Tarek R. riet das medizinische Personal den Brüdern, „verdrückt euch“ – was die Pflegedienstleiterin des Krankenhauses am Montag allerdings nicht bestätigen konnte. Die Mutter der Brüder sagte dem Tagesspiegel, sie habe ihre Söhne in einem Versteck nahe dem Krankenhaus abgeholt.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln gegen zwei Männer im Alter von 20 und 25 Jahren aus Zerbst. Der Tatvorwurf lautet gefährliche Körperverletzung. Den jüngeren Beschuldigten hatte die Polizei am Wochenende vorläufig festgenommen, die Staatsanwaltschaft ließ ihn aber frei, da sie keinen Haftgrund sah. Der ältere ist nach Informationen des Tagesspiegels vor sechs Jahren mit rechten Straftaten aufgefallen.

Die Staatsanwaltschaft ist nicht sicher, ob der jüngste Vorfall einen rechten Hintergrund hat. „Es gibt aber nichts gutzureden“, sagte Oberstaatsanwalt Christian Preissner. Unklar bleibt auch, ob es eine Verbindung gibt zum Angriff vom Juli 2005 in Zerbst. Den damaligen Täter Nico K. verurteilte das Landgericht Dessau im Februar 2006 zu acht Jahren Haft.

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