Politik : Gefängnis in komplettem Chaos Was die Anhörung von Lynndie England ergab

Matthias B. Krause

New York - Die Anhörung ist beendet, die Fragen blieben offen. In den kommenden Wochen muss eine Militärrichterin in North Carolina entscheiden, ob die Soldatin Lynndie England wegen Gefangenenmissbrauchs im irakischen Gefängnis Abu Ghraib angeklagt wird. Die Zeugen, die eine Woche lang aussagten, präsentierten ein chaotisches Bild. Einerseits scheint die Taktik von Englands Verteidigung nicht aufzugehen, wonach die 21-Jährige Order „von oben“ erhielt, die Häftlinge in Vorbereitung für Verhöre zu zermürben. Andererseits herrschte in der früheren Folterkammer Saddam Husseins nach der Übernahme durch die Amerikaner offensichtlich Chaos.

Die meisten der mehr als 25 Zeugen beschrieben ein Gefängnis in kompletter Unordnung. Die Militärpolizei betrieb dort demnach sogar Handel mit Prostituierten und einen Ring zur Beschaffung von Alkohol. Soldaten wussten oft nicht, wer den Befehl führte und welche Vorschriften anzuwenden seien. Gefangene wurden mit Schlafentzug und Entkleidung bestraft, teilweise körperlich misshandelt. Wer sich von den Soldaten daran nicht beteiligte, schaute weg. Gleichwohl sagte kein Zeuge aus, dass es von Vorgesetzten die direkte Order für Folter gab. Auch von der Verteidigung berufene Kameraden Englands konnten nicht sagen, wem oder wann ein entsprechender Befehl erteilt worden sein soll. So blieb der Eindruck, den ein Militär-Ermittler zu Beginn der Anhörung beschrieben hatte. Es sei für die Peiniger nur ein Spaß gewesen, sagte Paul D. Arthur aus, England habe ihm gesagt, „sie würden nur rumalbern und Blödsinn machen, um sich die Nachtschicht zu vertreiben“. Bei der Anhörung nannte sie die Misshandlungen eine Taktik zur „Einschüchterung“ und „Demütigung“.

Neben England drohen fünf weiteren Soldaten Anklagen wegen Gefangenenmissbrauchs. Ein siebter, Jeremy C. Sivits, bekannte sich schuldig und wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. England, die hochschwanger ist, drohen im günstigsten Fall die unehrenhafte Entlassung aus der Armee, im schlimmsten bis zu 38 Jahre Gefängnis.

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