Gefahr durch Raketenangriffe : In Israel wächst Angst vor Krieg mit Syrien

Immer mehr israelische Bürger befürchten den Ausbruch eines Krieges. Und auch aus Sicht der Regierung in Jerusalem stellt die Situation in Syrien eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit des Staates dar.

von und Gil Yaron
Ernstfall proben. In den vergangenen Tagen hat sich Israel im Rahmen einer landesweiten Zivilschutzübung auf einen möglichen Raketenangriff vorbereitet.
Ernstfall proben. In den vergangenen Tagen hat sich Israel im Rahmen einer landesweiten Zivilschutzübung auf einen möglichen...Foto: AFP

Wohl kaum ein Israeli kommt Syriens Bürgerkrieg näher als Alex Gudi. Jeden Morgen gegen vier Uhr fährt der 52 Jahre alte Landwirt an den Grenzzaun direkt gegenüber der verlassenen syrischen Stadt Kuneitra. Dort kümmert er sich um die rund 200 Hektar großen Apfel-, Kirsch- und Pfirsichbaumplantagen des Kibbuz Ein Sivan. „Einfach herrlich die Natur und die Stille hier“, schwärmte Gudi früher. Doch seit gut zwei Jahren besteht die Geräuschkulisse bei seiner Arbeit nicht mehr nur aus Vogelgezwitscher. Fast täglich hört er die Explosionen, verursacht durch blutige Kämpfe zwischen syrischen Regierungstruppen und Rebellen. „Man ist wachsamer als früher. Immerhin ist das ein echter Krieg da drüben. Aber ich vertraue auf unsere Stärke“, sagt Gudi. „Die werden uns schon nicht angreifen, weil sie wissen, dass das ihr Ende bedeutet.“

Doch längst nicht alle Israelis haben Gudis ruhiges Gemüt. Seitdem israelische Kampfflugzeuge vor zwei Wochen vermutlich Raketenlieferungen an die Hisbollah auf syrischem Staatsgebiet bombardierten, befürchten immer mehr Bürger den Ausbruch eines Krieges. Die Angst lässt sich leicht an der Zahl der Gasmasken ablesen, die in Israel kostenfrei von der Post verteilt werden. Jeder Bewohner einer Großstadt, die ein potenzielles Ziel feindlicher Raketenangriffe werden kann, hat Anspruch auf eine Gasmaske. Bis vor wenigen Monaten machten nur wenige Menschen davon Gebrauch. „Anfang Januar holten durchschnittlich 1400 Israelis jeden Tag eine neue Gasmaske ab“, sagt eine Sprecherin der Post. Doch mittlerweile ist die Nachfrage deutlich gestiegen. „Am 27. Mai baten 5267 Israelis um eine neue Gasmaske“, teilt die Post mit.

Die veränderte Stimmung merkt man vor allem auf den Golanhöhen. „Einige Gruppenreisen wurden bereits abgesagt“, sagt Dalia Amos, Sprecherin des Landkreises. Das macht den rund 45 000 Bewohnern des Golans zu schaffen. Tourismus ist hier neben Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig. „In den vergangenen Jahren haben wir uns hauptsächlich damit beschäftigt, wie wir am besten Kirschen anbauen und den Schnee auf den Pisten vom Hermon-Berg räumen“, sagte Amos. Das ändere sich nun: Noteinsatzgruppen in den Dörfern werden von der Armee intensiv trainiert, damit diese den Bewohnern bei Artilleriebeschuss Anweisungen geben oder im Falle eines bewaffneten Überfalls die erste Verteidigungslinie bilden können.

Auch aus Sicht der Regierung in Jerusalem stellt die Situation in Syrien eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit des Staates dar. Und die gilt als heilig. Einige halten den Konflikt im Nachbarland und seine möglichen Folgen derzeit sogar für gefährlicher als das Atomprogramm des Iran. Im Außenministerium legen die Verantwortlichen sorgenvoll die Stirn in Falten, wenn das Gespräch auf den Bürgerkrieg kommt. Massenvernichtungswaffen wie chemische Kampfstoffe in falschen Händen, zum Beispiel in denen des Erzfeindes Hisbollah. Judenfeindliche Islamisten als künftige Machthaber in Damaskus. Ein womöglich unregierbares, außer Kontrolle geratenes Syrien an der Nordgrenze – all dies sind Schreckensszenarien für Israel. Bei Assad war zumindest klar, mit wem man es zu tun hatte. Auch als erklärter Feind war sein Verhalten weitgehend kalkulierbar.

Hinzu kommt: Israel fühlt sich inzwischen von allen Seiten bedroht. Der Arabische Frühling hat das Land in der Region fast völlig isoliert. In Ägypten herrschen seit einiger Zeit die islamistischen Muslimbrüder. Die halten sich zwar bislang an den Friedensvertrag, lassen aber ansonsten keine Gelegenheit aus, gegen „die Zionisten“ zu opponieren. Jordaniens Königshaus steht innenpolitisch unter großem Druck. Weite Teile der Bevölkerung, unter ihnen mehr als vier Millionen Palästinenser, halten wenig von Israel und drängen darauf, das Friedenabkommen aufzukündigen. Ganz abgesehen von der Flüchtlingsproblematik. Schätzungsweise 450 000 Syrer haben inzwischen Schutz in Jordanien gefunden. Bis Ende des Jahres könnte ihre Zahl auf eine Million steigen. Ein enormes Potenzial für Unruhen. Gleiches gilt für den Libanon. Der Zedernstaat ist kaum mehr als ein fragiles Gebilde, das die Schiitenmiliz Hisbollah als Aufmarsch- wie Aufrüstungsgebiet nutzt – und dabei tatkräftig von Teheran unterstützt wird. Viele Gründe für Israel, nervös zu sein.

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