Gefahr für Ägypten : Straßenschlachten in Kairo

Der Gewaltausbruch zwischen Christen und Muslimen stürzt Ägypten in die tiefste Krise seit dem Fall von Hosni Mubarak. Augenzeugen berichten von grausamen Szenen. Die Drahtzieher der Unruhen stammen offenbar aus den Reihen der früheren Mubarak-Schläger.

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Oktober 2011: Spuren von tödlichen Attacken. Das Verhältnis zwischen dem Volk und dem regierenden Obersten Militärrat ist tief gestört.Weitere Bilder anzeigen
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12.10.2011 16:55Oktober 2011: Spuren von tödlichen Attacken. Das Verhältnis zwischen dem Volk und dem regierenden Obersten Militärrat ist tief...

Feuerbänder erhellen das Nilufer, weiße Rauchschwaden wabern über das Pflaster, Steine prasseln, dazwischen fallen vereinzelt Schüsse. Von weitem schon hört man Schreie und Kampfgeheul. Einzelne taumeln in die dunklen Seitenstraßen, halten sich den blutenden Kopf, während hinter ihnen durch Tränengaswolken hindurch die nächste Angriffswelle Knüppel schwingender Horden rollt. Am Ende sind 24 Menschen tot und 213 verletzt. Kairo erlebte in der Nacht von Sonntag zu Montag die schlimmste Gewalt seit dem Fall von Hosni Mubarak. Die Straßenkämpfe stürzen das post-revolutionäre Ägypten in seine bisher gefährlichste Krise, die Gewalt könnte sich nun wie ein Flächenbrand im ganzen Land ausbreiten. Für die zweite Nachthälfte verhängte der Oberste Militärrat eine Ausgangssperre. Am nächsten Morgen eilten Übergangsregierung und Religionsführer von Kopten und Muslimen zu Krisentreffen, während die Prügeleien vor einem Krankenhaus im Stadtzentrum ungehindert weitergingen, in dem viele der überwiegend koptischen Verletzten liegen. Die Börsenkurse gingen in den Sturzflug. Ob die für den 28. November angekündigten Parlamentswahlen überhaupt stattfinden können, steht in den Sternen.

Unklar ist bisher, was diese katastrophale Eskalation auslöste, die ganz Ägypten „in Gefahr bringt“, wie es Übergangspremier Essam Sharaf auf seiner Facebook-Seite formulierte. „Vandalisierende Kräfte“ wollten Chaos im Land säen und religiöse Spannungen schüren, sagte er später in einer Fernsehansprache. „Ich flehe alle Ägypter an, ob Muslime oder Christen, ob Alt oder Jung, ob Männer oder Frauen, bewahrt die Einheit unseres Landes.“ Auch zahlreiche europäische Regierungen reagierten „alarmiert“. Die Armee setzt eine eigene Untersuchungskommission ein.

Schon mehrfach hatten Kopten in der Vergangenheit auf der Nil-Corniche vor dem staatlichen Fernsehgebäude gegen Übergriffe von radikalen Muslimen und für ihre Rechte demonstriert. Auch am Sonntag waren wieder 2000 Gläubige mit Kreuzen und Jesusbildern aus dem Stadtteil Shobra, wo viele Christen wohnen, friedlich in die Innenstadt gezogen. „Tantawi, wo ist deine Armee – dies ist auch unser Land?“, skandierten die Menschen, die sich von der Militärführung mit dem Feldmarschall an der Spitze nicht genug geschützt fühlen. So hatten vor anderthalb Wochen Salafisten im Dorf Marinab nahe der Stadt Edfu in Südägypten erneut einen Kirchbau in Brand gesteckt, der gerade renoviert und erweitert wurde. Im Dorf Sheik Fadl in der Provinz Minia war ein christliches Mädchen vom Unterricht ausgeschlossen worden, weil es sich weigerte, ein Kopftuch zu tragen.

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