Politik : Gefangen auf dem Meeresgrund

Russische Soldaten sitzen im U-Boot fest – wie bei der „Kursk“ kommt die Wahrheit nur stückweise ans Licht

Elke Windisch[Moskau]

Hilflos schaukelt die rot-weiß gestreifte Riesenkugel auf dem leicht gewellten Seeboden – unfähig aus eigener Kraft wieder aufzutauchen. Der Grund: Das Tauchgerät hängt wahrscheinlich an einem Sonar fest, einem Horchgerät der Küstenüberwachung mit 60 Tonnen schwerem Anker. So sehen die Bilder aus, die eine Unterwasserkamera vom Unglücksort sendet: dem Beringmeer, einem nordöstlichen Randmeer des Pazifik. Dort liegt, 75 Kilometer vor der Halbinsel Kamtschatka und in einer Tiefe von 190 Metern, die AS-28 auf dem Meeresgrund. Ein Mini-U-Boot der Pazifikflotte, das am Donnerstag von einem Bergungsschiff zu einer Fahrt in der Tiefsee zu Wasser gelassen wurde. An Bord befinden sich sieben Marinesoldaten.

Die Hiobsbotschaft wurde erst Stunden später von der halbamtlichen Nachrichtenagentur RIA nowosti verbreitet – und sofort wurden Erinnerungen an das Unglück der „Kursk” wach. Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren starben bei dem Unfall des Atom-U-Bootes in der Barentssee 118 russische Soldaten. Die Öffentlichkeit erfuhr davon mit fast zweitägiger Verspätung und verfolgte eine Woche lang die Halbwahrheiten, die Sprecher der Kriegsmarine verbreiteten – und die missglückten, chaotischen Rettungsversuche. Beteiligt waren damals auch Tauchboote derselben Klasse wie das jetzt verunglückte. Aus dem Drama der „Kursk”, das im August 2000 die ganze Welt verfolgte, hat Russlands Seekriegsflotte nach Meinung von Experten allerdings nur begrenzt Lehren gezogen. Zwar ersuchte Moskau, das damals internationale Hilfe zunächst brüsk zurückwies, am Freitag kurz nach Bekanntwerden des Unglücks Japan und die USA um Unterstützung und stellte beiden Staaten dazu auch die nötigen Informationen zu. Ein japanischer Verband – insgesamt vier Schiffe – lief am Freitag ausIm Wettlauf mit der Zeit versuchten auch amerikanische Retter, zwei Tauchroboter mit Schneidegerät von Kalifornien über den Pazifik an die Unglücksstelle zu bringen. Ein britisches Transportflugzeug mit einem Bergungs-U-Boot sollte am Samstag am Unglücksort, der sibirischen Halbinsel Kamtschatka, eintreffen. Widersprüchliche Angaben gab es am Freitagabend über den Stand der Bergungsarbeiten: Der Kommandeur der Pazifikflotte wurde mit den Angaben zitiert, das festsitzende Mini-U-Boot werde von einem Bergungsschiff abgeschleppt. Der stellvertretende Marinestabschef, Wladimir Pepeljajew, sagte dagegen, man habe zwar unter Wasser ein Objekt an den Haken genommen. Man wisse aber nicht, ob es das Mini-U-Boot sei. Sicher schien nur, dass die Bergungsbemühungen auch in der Nacht fortgesetzt werden sollten.

Zu dem Drama gehörten auch widersprüchliche Aussagen darüber, wie lange der Sauerstoffvorrat in dem Mini-U-Boot ausreichen könnte. Zunächst hatte Igor Dygalo, der Pressesprecher der russischen Seekriegsflotte, Optimismus verbreitet: Sauerstoff, Trinkwasser und Proviant an Bord des Tauchbootes würden für rund 120 Stunden reichen. Am Nachmittag sagte er dann: Die Sauerstoffvorräte, zitierte ihn die Moskauer Nachrichtenagentur Interfax, würden nur noch 24 Stunden reichen. An Bord herrsche keine Panik, sagte Flottensprecher Dygalo. Periodisch bestehe auch Kontakt zur Besatzung, die mit Wärmeschutzanzügen ausgerüstet ist. Die Temperatur im Tauchboot liegt seinen Worten nach bei fünf Grad plus, die des Wassers bei neun bis elf Grad.

Viktor Litowkin, ein ausgewiesener Experte für Seekriegstechnik, kritisierte, dass die Öffentlichkeit bisher nicht über das Ziel der Mission des Boots informiert worden sei. Offiziell war von einer Routineübung zur Rettung einer U-Boot-Besatzung die Rede. Im Planquadrat der Havarie seien momentan jedoch keine U-Boote. Litowkin vermutet, das Tauchboot sei in geheimer Mission für eine auf Kamtschatka stationierte Einheit der Marine-Aufklärung unterwegs gewesen.

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