Gefangenenaustausch im Nahen Osten : Bringt der Deal den Frieden?

Der Austausch des von der Hamas verschleppten Gilad Schalit gegen 1027 Palästinenser löst nicht die angestauten Probleme im Nahen Osten. Zumindest gibt es Hoffnung, dass in die festgefahrene politische Situation nun neue Bewegung kommt.

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Gilad Schalit betritt heimatlichen Boden. Der 25-Jährige war im Tausch gegen hunderte palästinensische Gefangene freigelassen worden.Weitere Bilder anzeigen
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18.10.2011 20:04Gilad Schalit betritt heimatlichen Boden. Der 25-Jährige war im Tausch gegen hunderte palästinensische Gefangene freigelassen...

Wer ist der politische „Gewinner“ dieses Gefangenenaustauschs – die Israelis oder die Palästinenser?

Beide Seiten präsentieren sich als Gewinner – zu Recht. Der israelische Premier Benjamin Netanjahu hat die jüdische Bevölkerung hinter sich geeint in einer Zeit, in der Sozialproteste die tiefen Risse, die durch die israelische Gesellschaft gehen, offenbaren. Das überragende Thema dieser Proteste sind die soziale Ungerechtigkeit und Entsolidarisierung in der israelischen Gesellschaft – mit der Rückkehr des jungen Soldaten sind diese Gräben wenigstens kurzzeitig überbrückt. Außerdem wird Netanjahu nun zumindest als der Politiker in die Geschichtsbücher eingehen, der Gilad Schalit heimgebracht hat. Den Vorwurf, er habe dafür Gefangene freigelassen, die „Blut an den Händen“ hätten, scheint dagegen nur eine Minderheit zu erheben.

Auf palästinensischer Seite ist die islamistische Hamas der Sieger, weil sie geschafft hat, was Palästinenserpräsidenten mit Verhandlungen nicht geschafft haben: Mehr als 1000 politische und „Sicherheitsgefangene“ heimzuholen, unter denen sich knapp 300 Personen befinden, die in Israel zu lebenslanger Haft verurteilt waren. Allerdings musste Hamas große Abstriche machen: Die beiden Führungspersönlichkeiten Marwan Barghouti und Ahmed Saadat sind nicht unter den Freigelassenen. Außerdem dürfen Dutzende freigelassene Palästinenser nicht in ihre Heimat zurückkehren.

Einer gegen 1027 – was sagt diese Relation aus?

Diese Relation zeigt die Ungleichheit im Kräfteverhältnis zwischen Israel und den Palästinensern. Israel hielt etwa 6000 Palästinenser in seinen Gefängnissen fest, von denen allerdings nur ein Teil an Anschlägen auf Zivilisten in Israel beteiligt war. Denn die israelische Armee kann in die Westbank und den Gaza-Streifen einrücken und Menschen festnehmen. In dem Abkommen zum Gefangenenaustausch soll sich Israel auf Druck der Hamas verpflichtet haben, die Freigelassenen nicht gleich wieder aus Gaza oder der Westbank gewaltsam zurückzuholen.

Die palästinensische Seite, in diesem Fall die Hamas, hatte einen einzigen israelischen „Gefangenen“, den entführten Soldaten Schalit. Daher ist der Eindruck nicht falsch, dass ein Israeli mehr wert ist als ein Palästinenser – aber das ist nicht einfach eine Frage der moralischen Überlegenheit Israels, sondern auch ein Ergebnis des Ungleichgewichts der Kräfte in diesem Konflikt.

Ermuntert der Gefangenenaustausch die Hamas zu weiteren Entführungen? Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.

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