Gefangenentausch in Israel : Netanjahus Befreiungsschlag

14.10.2011 10:10 UhrVon Charles A. Landsmann
In der Pressekonferenz vom Dienstagabend, in der Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu den Gefangenenaustausch bekannt gab, erinnerte er daran, dass er den Eltern von Gilad Schalit stets zugesichert habe, er werde ihren Sohn freibekommen. Foto: afp
In der Pressekonferenz vom Dienstagabend, in der Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu den Gefangenenaustausch bekannt gab, erinnerte er daran, dass er den Eltern von Gilad... - Foto: afp

Er ist über seinen Schatten gesprungen. Mit dem ausgehandelten Gefangenenaustausch hat Benjamin Netanjahu etwas von dem zurückgewonnen, was ihm am meisten fehlt: Glaubwürdigkeit.

Er ist stockkonservativ und hochintelligent, rhetorisch brillant, ein Meister des Dialogs, Medienprofi durch und durch, außerdem nationalistisch und opportunistisch mit besten Kontakten zur Hochfinanz, ein neoliberaler Ultra-Kapitalist und Populist, kaltblütig charmant und menschenverachtend. Er wurde an den besten Hochschulen der USA ausgebildet und ist deren traditionellen Werten verpflichtet.

Er ist groß, bullig, sieht nicht schlecht aus und trägt gern maßgeschneiderte Anzüge. Hätte er die amerikanische Staatsbürgerschaft, wäre er der ideale Präsidentschaftskandidat der Republikaner – und vielleicht nach den US-Wahlen 2012 der mächtigste Mann der Welt.

Doch die hat er nicht. Benjamin Netanjahu, 62, wurde in Israel geboren, hat es deshalb quasi nur zum israelischen Regierungschef gebracht – und die Welt ist in zunehmendem Maße gegen ihn.

Da sollte es ihm mehr als recht gewesen sein, dass er in der Nacht zum Mittwoch die erfolgreichen Verhandlungen um Gilad Schalit, den von Palästinensern verschleppten israelischen Soldaten, verkünden konnte. Und auch dabei verstand er es, den Deal als persönliche menschliche Geste seinerseits zu verkaufen und sich dabei selbst in strahlendes Licht zu stellen.

Vor laufenden Kameras und offenen Mikrofonen erinnerte Benjamin Netanjahu die überglücklichen Eltern Schalit daran, dass er, Netanjahu, dieses Glück gebracht hat. „Ich habe mein Versprechen gehalten und bringe Ihren Sohn und Enkel zurück“, sagte er. Ein Mann also, der Wort hält, dem man vertrauen kann.

Netanjahu steht gemeinhin im Verdacht, Kompromisse für Anzeichen von Schwäche zu halten. Doch jetzt hat er mit der Hamas eine fast außerirdische Gefangenentauschquote von 1:1000 vereinbart – und damit etwas getan, was die meisten Israelis und erst recht das Ausland ihm nicht zugetraut hätten: Er ist über seinen ideologischen Schatten gesprungen. Und das ist ein sehr großer Schatten.

Netanjahu ist der Sohn eines der nationalistischsten, gar reaktionären Historikers, der die Bereitschaft predigte, Israel über alles zu stellen, sich für das Land zu opfern. Benzion Netanjahu, der den Nachnamen seinem Herkunftsnamen Mileikowsky vorzog, stammte aus Warschau. Von dort siedelte er bereits 1920 nach Israel über, wo seine drei Söhne zur Welt kamen, von denen Benjamin der mittlere war.

Alle drei Netanjahu-Söhne waren bei einer Spezialeinheit der israelischen Streitkräfte, die zeitweise so geheim war, dass man sich nicht mal bewerben konnte, sondern empfohlen werden musste. Die Einheit kämpfte gegen Terrorismus, befreite Geiseln und nahm, losgelöst von irgendwelchen Kommandoebenen, gezielte Tötungen vor. Doch im Fall der Netanjahus war am Ende ein Familienmitglied tot.

Der älteste Bruder Jonathan, genannt Joni, starb 1976 bei dem Einsatz am ugandischen Flughafen Entebbe, wo eine Air-France-Maschine aus der Hand von PLO-Terroristen befreit werden sollte. Joni Netanjahu war Kommandeur des Einsatzes – und der einzige Israeli, der dabei starb. Er war 30 Jahre alt. Der jüngere Bruder gründete im selben Jahr das „Jonathan Institute“, das den Terrorismus erforschen soll. Benjamin Netanjahu selbst schrieb darüber ebenfalls mehrere Bücher – vor allem über Bekämpfungsstrategien.

Netanjahu ist alles zuzutrauen: Der entscheidende Schritt zum Frieden - oder zur vollständigen Machtübernahme. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

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