Geflüchteter in der SPD : Aus Afghanistan in den Bundestag

Ahmad Wali Temori floh vor den Taliban nach Berlin. Als Mitglied der SPD will er sich einbringen in seiner neuen Heimat - und auch andere dazu ermutigen.

Ahmad Wali Temori
Einblicke in den Bundestag bekam unser Autor Ahmad Wali Temori bei einem sechsmonatigen Praktikum. Foto: Imago/CommonLens
Einblicke in den Bundestag bekam unser Autor Ahmad Wali Temori bei einem sechsmonatigen Praktikum.Foto: Imago/CommonLens

Vor 23 Jahren kam ich in einem Land zur Welt, in dem ein brutaler Bürgerkrieg herrschte: Afghanistan. Mit der Herrschaft der Taliban zog 1996 eine streng religiöse Gesellschaftsordnung ein, in der persönliche Freiheiten keinen Platz hatten und Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Als es dann Ende 2001 zum Sturz dieser Herrschaft kam, konnte auch ich, zum ersten Mal in meinem jungen Leben, die Atmosphäre der Freiheit kosten und Mut und Hoffnung schöpfen. Obwohl ich damals gerademal acht Jahre alt war, interessierte ich mich schon für die politischen Vorgänge und gesellschaftlichen Veränderungen in meinem Land. Doch als ich das Gymnasium abschloss, war Afghanistan erneut Schauplatz von Gewalt geworden. Die Taliban waren wieder da, die Frauen wurden ihrer Menschenrechte beraubt, und Steinigungen standen wieder auf der Tagesordnung. Zudem litt das Land unter einer stetig wachsenden Korruption sowie Ungerechtigkeit.

Ich arbeitete eine Zeit lang als Dolmetscher für die Amerikaner, studierte Politikwissenschaft an der Kabuler Universität und engagierte mich in der Demokratiebewegung. Doch mit dem Abzug der Weltgemeinschaft vom Hindukusch und dem Ende ihres militärischen Engagements nahmen kriegerische Auseinandersetzungen, terroristische Attacken und Drohungen überall im Lande wieder zu. Als ich selbst dann Morddrohungen wegen meiner Arbeit für die Amerikaner bekam, entschied ich mich, meine Heimat zu verlassen.

Für Ahmad Wali Temori ist es ein tiefes Bedürfnis, politisch aktiv zu sein. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Für Ahmad Wali Temori ist es ein tiefes Bedürfnis, politisch aktiv zu sein.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nach einer schweren und gefährlichen Flucht landete ich schließlich in der deutschen Hauptstadt. Hier stellte ich einen Asylantrag und begann, einen Sprachkurs zu besuchen. Doch ich musste erneut um meine Zukunft bangen. Denn ich bin Afghane, und es gab für mich nicht nachvollziehbare bürokratische Gründe, mich an den Ort zurückzuschicken, an dem ich meine Träume begraben hatte. Zu dieser Zeit wuchs in mir der starke Wunsch, hierzulande zu studieren und diesen Boden auch zu meiner Heimat zu machen. Und schließlich spürte ich in mir das tiefe Bedürfnis, politisch aktiv zu werden und für Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen.

Die Politiker hier sind anders als in meiner Heimat

Mit der Anerkennung meines Asylantrags war es zum Glück so weit, und es öffneten sich viele Türen. Ich hatte mich inzwischen mit der bundesrepublikanischen Politik befasst und viel über das hiesige Gesellschaftssystem und die politischen Parteien gelesen, hatte mich mit ihrer Geschichte und ihren Programmen beschäftigt. Und so habe ich mich für die SPD entschieden und wurde Mitglied. Des Weiteren fing ich an, beim Bundestag ein sechsmonatiges Praktikum zu machen, und arbeitete für die Bundeswirtschaftsministerin Frau Brigitte Zypries. Sie war außerordentlich freundlich zu mir und machte mich mit dem Aufbau der deutschen Demokratie vertraut. Und so habe ich im Laufe meines Praktikums nicht nur wertvolle Erfahrungen gesammelt, sondern auch viele Politiker aus der Nähe kennengelernt. Dabei wurde mir bewusst, dass diese ganz anders sind als die Politiker in meinem Herkunftsland, die nicht nur ihre Macht missbrauchen, sondern auch einen arroganten, unfreundlichen Umgang an den Tag legen.

Heute mache ich eine journalistische Ausbildung bei Alex Berlin, bin aktives Mitglied der SPD und will mich immer mehr in den gesellschaftlichen und politischen Prozessen in Deutschland einbringen. Ich möchte andere Flüchtlinge ermutigen, sich nicht weiter als Opfer zu sehen, sondern aktiv zu werden und alles zu tun, um von der demokratischen Gesellschaft aufgenommen zu werden. Dies ist ihr gutes Recht, nicht zuletzt aber auch ihre Pflicht. Und es ist eine Notwendigkeit, den einsamen Wölfen entgegenzuwirken, die in unserem Namen versuchen, mit Hass und Gewalt diesem Land zu schaden.

Der Autor kam im Sommer 2016 nach Deutschland. Seit Mai 2017 ist er Volontär der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) bei Alex Berlin.

Dieser Text ist in der Beilage „Wir wählen die Freiheit“ mit Texten von Exiljournalisten am 8. September 2017 erschienen. Die Beilage entstand im Rahmen des Projekts #jetztschreibenwir des Tagesspiegels, in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung.

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