Gefürchtete Wiederkehr : Angst vorm alten Chef

Am Zentrum für Türkeistudien fürchtet man eine medienwirksame „Rückkehr“ von Faruk Sen. Der ehemalige Institutsleiter will gerichtlich gegen seine Absetzung vorgehen.

Jürgen Zurheide

EssenAndreas Goldberg hat schlecht geschlafen, wie so oft in den vergangenen Tagen. Als er am frühen Dienstagmorgen die Tür zum Zentrum für Türkeistudien aufschließt, bewegt ihn vor allem ein Gedanke: Wird sein Ziehvater Faruk Sen plötzlich klingeln und Einlass begehren, vielleicht mit einem Fernsehteam im Rücken? Dem Geschäftsführer der Essener Institution ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass Sen vor den Augen der Öffentlichkeit dokumentieren könnte, wie ihn alle verlassen haben. Der Vorstand des Zentrums hat ihn nach 23 Jahren abberufen und selbst enge Freunde stützen Faruk Sen nicht mehr - einen wie Andreas Goldberg zerreißt das. "Ich weiß, dass er kein Antisemit ist", beginnt er solche Sätze, um dann allerdings die Frage zu stellen, "wie können wir hier weiter wirken und die Arbeitsplätze für 20 Mitarbeiter und deren Familien sichern?".

Seit in der Öffentlichkeit über Sens verunglückten Vergleich zwischen Juden und Türken debattiert wird, ist nichts mehr so wie noch vor wenigen Tagen. Faruk Sen war bis dahin eine der Stimmen, die gefragt wurde, wenn es um die Integration der Türken in Deutschland ging. Zwar war in der jüngeren Vergangenheit aufgefallen, dass er auch härtere Töne anschlug, beim Brandanschlag in Ludwigshafen voreilig von ausländerfeindlichen Hintergründen sprach und den Einmarsch der Türken in den Nordirak zu rechtfertigen versuchte. Auch im Zusammenhang mit dem Völkermord der Türken an den Armeniern machte er sich dafür stark, den Begriff "Völkermord" nicht zu verwenden, aber all diese Sätze ließen nur ein interessiertes Publikum aufhorchen. "Ist aus dem Kemalisten ein Nationalist geworden", wurde höchstens hinter vorgehaltener Hand gefragt, seine Stellung als Chef des Essener Zentrums für Türkeistudien litt darunter noch nicht nachhaltig. Erst als er jetzt in einem Beitrag für eine türkische Zeitung die Türken als die neuen Juden Europas bezeichnete, wurde die Empörung so stark, dass sie ihn nachhaltig beschädigen wird.

Das Fass zum Überlaufen gebracht

"Ich verstehe das nicht", ruft er in das Mobiltelefon, wenn man ihn in Ankara erreicht, von wo er am Dienstagabend nach Deutschland zurückkehren wollte. "Ich habe mit allen gesprochen, sie haben es verstanden", glaubt er und bringt Charlotte Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, als Kronzeugin; in der Tat hat der Zentralrat seine Entschuldigung angenommen. Aber darum geht es in Essen inzwischen nicht mehr. Sen hat die Geduld vieler so oft strapaziert, dass sie ihm jetzt keinen Kredit mehr geben. "Er schadet inzwischen der Integration und verrät damit seine eigene Biografie", urteilt einer, der ihn bis zuletzt wohlwollend beobachtet hat. Sen hat die Integrationsgipfel der Regierung als Showveranstaltungen abgelehnt und diese Haltung in einem Brief an den Bundespräsidenten deutlich gemacht; ohne vorher jemanden im Vorstand des Zentrums zu fragen. "Jetzt ist das Fass übergelaufen", heißt es und deshalb will sich nicht nur der Vorstand, sondern demnächst auch das Kuratorium mit der Abberufung von Sen als Direktor des Institutes beschäftigen.

Dagegen zieht er aber mit allen Mitteln zu Felde. "Ich werde kämpfen, meine Abberufung ist für Deutschland in der Türkei sehr schädlich", erregt er sich am Telefon und verweist einen dann an seine Anwälte, die davon überzeugt sind, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe arbeitsrechtlich nicht für eine Entlassung ausreichen werden. Für Mittwoch kündigte Sens Anwalt Christian Birnbaum eine Kündigungsschutzklage beim Amtsgericht Essen an. Damit zeigt sich: Der Konflikt beginnt gerade erst und Andreas Goldberg dürfte noch andere schlaflose Nächte vor sich haben. Außerdem muss er damit rechnen, dass Sen vielleicht am Mittwoch doch beim Zentrum für Türkeistudien vorbeischauen wird, obwohl sie dort alle Schlösser ausgetauscht haben.

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