Gegen den Hass : Wie Großbritannien sich gegen den "Blowback" wappnet

77 Prozent der Muslime auf der Insel bezeichnen sich als stolze Briten. Dennoch droht nun eine weitere Spaltung der Gesellschaft. Die Nationalisten machen mobil. Eine Analyse unseres London-Korrespondenten.

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Friedlich vereint? In Großbritannien gab es traditionell wenig Vorbehalte gegen Muslime. Nun wollen Politiker weiter für Zusammenhalt werben.
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Britische Muslime wappnen sich für den „Blowback“ – ein Anwachsen sogenannter Hassverbrechen, wie immer, wenn sie durch Terrorakte im Namen des Propheten in Generalverdacht kommen. „Tell Mama“, eine Organisation, die Islamophobie im Lande misst, registrierte nach den Pariser Anschlägen „ein sofortiges Ansteigen von antimuslimischen Kommentaren in den sozialen Medien“. Erst im Dezember stellte Londons Bürgermeisteramt eine neue Strategie zur Bekämpfung von Hassverbrechen vor. „Hasskriminalität gegen Glaubensgruppen“ hat in Großbritannien zuletzt um 23 Prozent zugenommen.

Muslime wurden in den vergangenen Monaten oft pauschal an den Pranger gestellt. Hinrichtungen durch den IS-Oberschlächter „Dschihadi John“ mit dem Londoner Akzent, ein Skandal um „trojanische Pferde“ in britischen Staatsschulen, die von eingeschleusten islamischen Fundamentalisten unterwandert und unter den Augen der Schulaufsicht zu halben Koranschulen umfunktioniert wurden; der „Grooming-Skandal“ von Rotherham, wo pakistanische Männer jahrelang minderjährige Mädchen als Sexsklavinnen missbrauchten – und die Polizei, aus Angst, rassistisch zu erscheinen, die Sache unter den Teppich kehrte. Das alles spielte der wachsenden Kritik am Multikulturalismus in die Hände. Dabei sind britische Muslime fast doppelt so „patriotisch“ wie die Restbevölkerung – 77 Prozent bezeichnen sich als „stolze Briten“.

Eine neue Debatte um Multikulti ist unvermeidlich

Und nun „Charlie Hebdo“. „In den kommenden Wochen stehen Muslime auf dem Prüfstand und müssen ihren Platz in der westlichen Gesellschaft rechtfertigen“, warnt der britische Muslimrat (MCB), dessen Verurteilung des Pariser Anschlages weniger Wenns und Abers hatte als bei früheren Gelegenheiten. „Tell Mama“-Blogger Fiyaz Mughal mahnt seine Glaubensbrüder, wenn sie nicht stumme Opfer von Intoleranz und Hass werden wollten, müssten sie sich engagieren. „Jetzt ist der Zeitpunkt, aufzustehen und an der friedlichen Debatte teilzunehmen. Muslime sind in Europa, um zu bleiben. Europa braucht Muslime so sehr, wie Muslime Europa brauchen.“

Der Politologe und Terrorismusexperte Professor Anthony Glees von der Uni Buckingham hat nicht den geringsten Zweifel, dass der Anschlag von Paris die Debatte um Multikulturalismus und seine Folgen anfachen wird. „Die Leute wollen wissen, ob wir in Großbritannien ein ähnliches Hinterland des Islamismus haben wie in Frankreich.“ Die erste Salve dieser Debatte kam von Nigel Farage, dem Chef der Anti-Immigrations- und Anti-EU-Partei Ukip. Er schob einer „krassen Politik des Multikulturalismus“ die Schuld zu. „Wir haben Menschen aus anderen Kulturen ermutigt, diesen Kulturen verhaftet zu bleiben und sich nicht voll in unsere Gesellschaft zu integrieren. Nun haben wir eine fünfte Kolonne in unseren Ländern, Menschen, die unsere Pässe haben und uns hassen.“

Farages Attacke wurde schnell als Versuch zurückgewiesen, die Anschläge für den Wahlkampf auszuschlachten. „Unverantwortlich, wie er Spannungen schürt“, sagt Vizepremier Nick Clegg. „Das größte Gegenmittel für die Perversion der großen Weltreligion Islam sind gesetzestreue britische Muslime selbst.“ Aber, sagt Glees, „Farage kopiert nur, was andere sagen, die nicht seine Hassagenda haben“. Zum Beispiel der frühere Chef der Gleichheitskommission, Trevor Phillips, der den Multikulturalismus schon 2004 als „überholte Idee“ abtat.

Gemeint ist damit die extreme Toleranz, die Einwanderern erlaubte, ihre aus den Herkunftsländern mitgebrachte „Identität“ zu wahren, und ihnen damit die Integrationsarbeit ersparte. „Dieser Multikulturalismus als Philosophie ist erledigt. Heute wissen die Menschen, sie müssen sich integrieren oder sie werden einander an die Kehle gehen“, sagt Glees. Für Frankreichs Umgang mit seinen Muslimen hat er vor allem Kritik. „Man hat sich emotional, intellektuell, sogar philosophisch mit dem Multikulturalismus auseinandergesetzt, großartig von den Idealen der Republik gesprochen und den Hidschab verboten, aber rational und praktisch wenig getan.“ So seien segregierte Gesellschaften entstanden.

Nicht einmal nach den Anschlägen von London gab es Demos gegen den Islam

Wie viel besser ist es in Großbritannien? Beziehungen zwischen Muslimen und dem Rest sind kompliziert, schwer zu messen und im Fluss. Muslime fühlen sich gerne als „Opfer“, aber Wellen des Hasses, Demos gegen „Islamisierung“ nach „Pegida“-Art gab es nicht einmal nach den 7/7-Anschlägen auf die Londoner U-Bahn 2005, oder als Extremisten 2013 den Soldaten Lee Rigby auf offener Straße niedermetzelten – vielleicht auch, weil der nun kritisierte Multikulturalismus auch ein hohes Maß an Toleranz ausgebildet hat. „Die britische öffentliche Meinung hat sich nie wirklich gegen Muslime gedreht“, schrieb jüngst der „Spectator“. Die „English Defence League“, eine Art „Pegida“-Vorbild, überlebte keine zwei Jahre. Als das Pew Research Centre im Sommer europäische Einstellungen gegenüber Muslimen erforschte, war die Zahl der ablehnenden Briten mit 26 Prozent in ganz Europa am niedrigsten.

Glees glaubt, dass Briten unterscheiden können zwischen Islam, der Religion, und Islamismus, „einer politischen Ideologie“, die in erster Linie nicht das Problem der Muslime, sondern ein Sicherheitsproblem sei, das von den Regierungen gelöst werden muss. „Aber die Menschen müssen den Regierungen die Instrumente dafür überlassen“, sagt er, mit Bezug auf die Diskussion um die Internetüberwachung. Wenn, wie bei Deutschlands „Pegida“-Demonstrationen, „vollkommen anständige Leute glauben, sie müssten Muslimen eine Lektion erteilen, ist ein Gefahrenpunkt erreicht“.

Der Integrationsdruck wächst

Klar ist aber auch, dass der Integrationsdruck auf Muslime von Tag zu Tag wächst. Dazu gehört beispielsweise die aktuelle Debatte, ob britische Medien im Umgang mit Muslimen zu ängstlich und respektvoll sind. Man denkt an die Weigerung britischer Medien, 2006 die berüchtigten dänischen Mohammed-Karikaturen zu drucken, oder das „Religionshass“-Gesetz zur Beschwichtigung von Muslimen. Auch jetzt druckten britische Zeitungen keine „Charlie Hebdo“-Karikaturen ab. Man habe mit zweierlei Maß gemessen und einen Schonraum aus Anstand, Angst und falscher Toleranz für Muslime geschaffen, warnt „Times“-Kommentator David Aaronovitch. „Wenn wir nicht publizieren, was vielleicht Muslime beleidigen würde, aber niemanden sonst, lassen wir abnormal erscheinen, was in Wirklichkeit normal ist.“ Der Schriftsteller Ian McEwan forderte in der BBC eine offensive Konversation mit Muslimen über Redefreiheit, Apostasie und Blasphemie.

Was den britischen Muslimen fehlt, sind repräsentative Sprecher, die aus der Kommune heraus gegen islamistische Ideologie kämpfen. Mit allen anderen Gesellschaftsgruppen werde der Dialog über gewählte Vertreter geführt, bei Muslimen mit selbst ernannten „Gemeinschaftsführern“, kritisiert Glees. Umstandsloser als diese Gemeinschaftssprecher distanzieren sich Muslime auf Twitter von den Morden. Viele stellten Meinungsfreiheit über die Ehre des Propheten. „Meine Religion ist durch Karikaturen nicht bedroht“, twitterte ein pakistanischer Muslim namens Kanza Akhwand. Vor zwei Jahren noch hatten Londoner Muslime kein Problem, 10 000 Demonstranten zum Protest gegen den plumpen, islamfeindlichen Film „Die Unschuld der Moslems“ vor das Londoner Google-Büro zu beordern. Vielleicht wäre das heute nicht mehr so einfach.



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