Gegen den Hass : Wie Spanien tolerant bleiben will

Auf die Anschläge von 2004 reagierten Spanien besonnen. Doch die gute Stimmung zwischen den Religionen wird nicht zuletzt durch die Wirtschaftskrise belastet. Eine Analyse unseres Spanien-Korrespondenten.

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Diese Frauen protestieren in Madrid gegen Islamophobie.
Diese Frauen protestieren in Madrid gegen Islamophobie.Foto: Reuters

„Spanien ist ein tolerantes Land“, erklärte Spaniens konservativer Regierungschef Mariano Rajoy nur Stunden nach dem Attentat in Paris. Rajoy wollte damit dem Eindruck vorbeugen, dass es in seinem Land mit seinen vielen Muslimen Islamfeindlichkeit geben könnte. Islamophobie, lautete die beruhigende Botschaft Rajoys, „sehe ich nicht“.

Mit der spanischen Wirklichkeit scheint diese offizielle Einschätzung aber nur bedingt zu tun zu haben. Denn die islamischen Organisationen klagen schon seit Monaten, dass Angriffe, Schmähungen und Diskriminierungen gegen muslimische Bürger und religiöse Einrichtungen zunehmen – und dass sie bei Regierung und Sicherheitsbehörden mit ihren Sorgen kein Gehör finden.

Auch Brandanschläge auf Moscheen, Schmierereien wie „Mauren raus“ an Gotteshauswänden sowie nächtliche Fackel-Protestmärsche gegen Baupläne neuer Religionszentren gehören dazu. Dutzende solcher Fälle hat die „Islamische Kommission“, der Dachverband der islamischen Gemeinden, dokumentiert. Und sie rügt, dass seitens der Regierung keine offizielle Statistik über derartige „islamfeindliche Akte“ geführt werde.

2004 war Spanien von vielen politischen Beobachtern gelobt worden, weil das Land besonnen auf die Zuganschläge von Madrid reagiert und sowohl den sozialen Frieden als auch bürgerliche Freiheitsrechte weitgehend erhalten hatte.

97 Prozent halten Europa für zu nachsichtig

„Glauben Sie, dass Europa zu tolerant gegenüber den Ansprüchen der islamischen Religion ist?“, fragte nach dem Pariser Anschlag „El Mundo“ in einer Online-Umfrage seine Leser. 97 Prozent antworteten in mit einem klaren „Si“.

Dabei machen Muslime in Spanien nur knapp vier Prozent der etwa 46 Millionen Menschen im Land aus – beim Nachbarn Frankreich ist dieser Prozentsatz mehr als doppelt so hoch. Die Ausländerquote in Spanien liegt bei elf Prozent und ist rückläufig. Die Wirtschaftskrise sowie Massenarbeitslosigkeit haben die Einwanderungswelle ins südeuropäische Sonnenland gebremst. Die meisten Muslime in Spanien stammen übrigens aus Nordafrika, vor allem aus Marokko.

Amparo Sanchez, Vorsitzende der spanischen „Bürgerplattform gegen die Islamophobie“, kann ein Lied von den steigenden Spannungen singen: „Jedes Mal, wenn man versucht, eine Moschee zu eröffnen, gibt es dagegen Demonstrationen“, berichtete sie. „Das ist unser tägliches Brot.“ Die Spanierin, die schon vor Jahren zum Islam konvertierte, setzt sich mit ihrer Vereinigung dafür ein, „jene Vorurteile abzubauen, welche die Intoleranz hinsichtlich des Islam und der Muslime anfachen“. Vor allem muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen, bekämen die „alltägliche Diskriminierung“ zu spüren. Auch die spanische Sektion von Amnesty International kritisierte, „dass Musliminnen wegen ihrer Religion keine Arbeitsplätze bekommen“.

Debatten als Beiträge zur Islamophobie

Die von Spaniens Innenminister Jorge Fernandez Diaz angefachte Debatte über die Frage, ob man den Ganzkörperschleier (Burka) im öffentlichen Raum nicht verbieten sollte, wird von den Religionsverbänden ebenfalls als „Beitrag zur Islamophobie“ gewertet. Derlei Vorschläge „erzeugen eine soziale Alarmstimmung, als ob es in Spanien eine Invasion von Frauen mit Burka geben würde“, empört sich Hasar Famadi, Vorsitzende der „Vereinigung muslimischer Frauen“. Dabei sehe man „praktisch keine Burkas auf der Straße“.

Nun fürchten die spanischen Islamvereinigungen, die den Anschlag von Paris durchweg verurteilten, dass die feindliche Stimmung im Land noch zunehmen wird. Esteban Ibarra, Präsident der „Plattform gegen die Intoleranz“, warnte denn auch, das Attentat „nicht zu benutzen, um die muslimische Gemeinschaft in Verruf zu bringen“.

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